Ich liebe einen Priester

ERFAHRUNG EINER BETROFFENEN

19.11.1994

Eben kam das neue Mitteilungsblatt. Voll Spannung und Neugierde habe ich einiges gelesen. Ein bisschen Wehmut steigt in mir auf beim Bericht vom Burgfest - es muss schön gewesen sein - gern wäre ich, wären wir dort gewesen. Aber die leidigen Termine... Und außerdem - ... Und dann bin ich mit meinen Gedanken da, wo ich in letzter Zeit oft mit meinen Gedanken bin. Und dann fällt mir ein: Du solltest etwas schreiben. Öfter schon hab ich gelesen von den Erfahrungen der Priester, die aus dem Amt scheiden (müssen). Interessant und Mut machend, aber heißt das nicht VkPF? Einen Erfahrungsbericht einer Frau habe ich noch nicht gelesen.

Zu jedem aus dem Amt scheidenden Priester gibt es doch wohl (jedenfalls in dieser Vereinigung) eine Frau, der es ähnlich ging oder geht wie mir: Dieses mulmige Gefühl: nur ja nichts falsch machen! Nicht entdeckt werden! Wie erkläre ich schon mal wieder meine Abwesenheit? Diese immer präsente Übelkeit vor lauter Versteckspielen und Lügen! Immer aufpassen müssen, sich aus Freude nicht zu verplappern! Immerhin bin ich verliebt - glücklich verliebt! Am liebsten würd' ich's in die Zeitung setzen - nicht nur ins Mitteilungsblatt der VkPF, nein, in die Tageszeitung, von mir aus in die BILD-Zeitung!

Wir kennen uns schon lange, mehr als die Hälfte unseres Lebens. Als Jugendliche, so gerade keine Kinder mehr, haben wir uns kennengelernt, sind immer gute Freunde gewesen, immer getreu dem Motto "Lieber gut befreundet, als unglücklich verliebt!" Wir haben es lange durchgehalten, ich habe seine Entscheidung, Priester zu werden, ertragen; er hat es ertragen, dass ich einen anderen heiratete (warum auch nicht? Er wollte ja Priester werden!). Immerhin, unsere Freundschaft hat das auch ausgehalten. Auch mit meiner Scheidung hatte dieser katholische Priester keine Probleme. Er ist immer Mensch und Freund für mich geblieben!

Und dann das: Jahre später war der Bann gebrochen: Ganz vorsichtig wurden wir unserem Motto untreu, immer auf der Hut: nur ja nicht zu weit vorwagen, nicht die Freundschaft auf's Spiel setzen! Aber seit einem halben Jahr wissen wir es: Es ist mehr als nur Freundschaft. So weit, so gut. Kinofilme hören an dieser Stelle meistens auf. Aber das Leben geht - zum Glück! - weiter. Jetzt geht's los! Als Feigenblatt muss meine Tochter herhalten. Immerhin ist er doch ihr Patenonkel! Und den dürfen wir doch wohl besuchen! Ich gebe zu, das ist ein Vorteil, den die wenigsten haben. Aber das mit dem Feigenblatt funktioniert nur zum Teil. Das Kind ist nämlich in einem Alter, in dem es noch nicht verstehen kann, dass man bestimmte Dinge im Leben nicht ausplaudern darf, also darf es bestimmte Dinge noch nicht wissen! Und so geht das Versteckspiel weiter. Das tut manchmal verdammt weh. Sie liebt ihren Patenonkel über alles, wünscht sich, dass er ihr Papa ist! (Den echten Papa kennt sie so gut wie nicht). Jetzt ist es an mir, zu erklären, dass das nicht geht. Voll daneben! Aber ich kann nicht riskieren, dass sie Opa und Oma - oder gar im Kindergarten! - erzählt, dass im nächsten Jahr...!

Opa und Oma, das ist die nächste Klemme, in der ich drin stecke: Seit der Trennung von meinem Mann lebe ich bei meinen Eltern. Zunächst wusste ich ja gar nicht, wohin, wenn nicht zu ihnen. Ich musste weg aus meiner Ehe - nur weg! Eben erst mal zu den Eltern. Dann war da mein Beruf. Ich habe einen Beruf, der erfordert, dass ich viel am Abend oder am Wochenende arbeite. Keine Chance bei öffentlichen Kinderverwahreinrichtungen. Also mussten Oma und Opa helfen. Und so ist es geblieben, weil mein Beruf geblieben ist, und weil die Verdienstmöglichkeiten nicht so sind, dass ich davon eine eigene Wohnung und eine Betreuung für meine Tochter bezahlen kann. Und jetzt? Sie wissen nichts. Dürfen nichts wissen! Ich weiß nicht, wie sie darauf reagieren werden. Ich weiß nur, wie mein Magen reagiert! Mit Schmerzen und Entzündung. Mein Körper reagiert mit Nervosität, Übelkeit, Überreiztheit, wenn ich wieder mal erkläre, warum ich allein wegfahre, ohne meine Tochter - immerhin muss jetzt die Oma aufpassen, also fragt sie nach. Warum ich schon wieder weg muss, wo doch heute endlich (!!!) mal ein freier Abend ist!

Nach kurzer Zeit war klar, dass ich das nicht lange durchhalte. Wenn ich irgendwo lebte ... Aber ich lebe bei meinen Eltern, mehr noch: gemeinsam mit ihnen. Mein Vater hat die Vaterrolle für meine Tochter klaglos übernommen. Es funktioniert, wenigstens meistens. Ob das so gut ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber es funktioniert. Sie müssen es wissen, weil ich sonst daran kaputt gehe. Ich bin zu Offenheit erzogen, ich kann so nicht leben. Also wann? der Geburtstag der Tochter scheint ein geeigneter Termin zu sein. Da kommt der Patenonkel sowieso, da wird am Abend Gelegenheit sein. Sind wir eigentlich bescheuert? Wir sind doch erwachsene Menschen! Warum können wir nicht einfach sagen, was los ist? Ich glaube, es wäre leichter gewesen, mit sechzehn meinen Eltern zu erzählen, dass ich ein Kind bekomme. Aber ich bin keine sechzehn und ich bekomme kein Kind (So was ist doch mittlerweile relativ harmlos). Ich liebe einen Priester. Und das ist noch nicht so harmlos. Schon gar nicht in einem so katholischen Kaff, wie dem unseren. Wir selbst sind zwar nicht katholisch, aber vielleicht macht es das noch schlimmer! Meine Eltern, nicht ich, werden dem Gerede der Leute ausgesetzt sein. Ich werde wegziehen. Ich werde mit dem Mann, den ich liebe, und mit meiner Tochter irgendwo anders zu hause sein. Aber die Eltern - seine auch, die leben in demselben Kaff! - sie werden es tragen müssen! Mein Bruder mit seinem Geschäft ... wieviele Menschen werden seinen Laden meiden, weil seine Schwester...! Und das alles gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts!

Also: wie sagen wir's ihnen? Da erscheint hilfreich ein Gespräch mit einem jungen Paar, das es hinter sich hat. Hilfreich? O.k., es zeigt, dass es anderen genauso geht. Sie erzählt, dass sie sich in der Reaktion ihrer Eltern völlig verkalkuliert hat. Papa, der für alles Verständnis hat, spricht eine halbe Woche nicht mehr mit ihr. Mama, die immer gleich explodiert, grinst, drückt ihre Hand und strahlt Zuversicht aus. Au weia! Meine Eltern neigen eigentlich beide nicht zum Explodieren. Na, das kann ja heiter werden! Ob ich mir schon mal 'ne Wohnung suche? Sie werden mich nicht vor die Tür setzen, schon um des Kindes willen nicht! Immer muss das Kind herhalten! Ich bin völlig durcheinander. Keine Ahnung, was an diesem Abend Ende November geschehen wird. Je näher der Abend kommt, um so unruhiger werde ich einerseits. Andererseits werde ich immer gelassener: Was soll schon passieren? Sie werden mir nicht den Kopf abreißen, und wenn schon... Dann hören die Magenschmerzen auch auf. Genau, das ist es! Die Magenschmerzen werden aufhören, weil ich den Menschen, die ich liebhabe, kein Kasperltheater mehr vorspielen muss!

Egal, was passiert - offenen Zoff kann ich immer besser aushalten als Heimlichtuerei. Es gibt schon einige Leute, denen wir von uns erzählt haben, aber die waren sorgfältig ausgewählt: Nur die, von denen wir positive Reaktionen erwartet haben. Bis jetzt gab es da noch keine Probleme. Aber nun sind die anderen Menschen dran, die es wissen müssen, ganz gleich, wie sie reagieren. Nun denn! Danach geht's weiter

30.11.1994

Es geht weiter!!! Meine Eltern haben ganz wunderbar reagiert! Reagiert hat eigentlich nur mein Papa. Meine Mama war schon etwas geschockt, aber sie war nicht böse! Wir haben lange zusammengesessen, miteinander geredet, sogar ein wenig Pläne geschmiedet! Vor dem Gerücht, dass "der Herr Vikar wohl was habe mit der Mutter seines Patenkindes", hat meine Papa schon lange Angst gehabt; denn so ein Gerücht ist ja mit vielen unguten Folgen verbunden. Mit der Tatsache, dass der Herr Vikar... , kann mein Papa ganz gut umgehen. Dieser Tatsache folgen ja klare Konsequenzen, und das ist für ihn unproblematisch. Resümee des Abends: "Wir halten euch den Rücken frei, und ihr müsst vorwärts gehen!" Fantastisch! Wenn ich das geahnt hätte, wäre alles viel einfacher gewesen. Mit so verständnisvollen Eltern sind sicher nicht alle, die in solch einer Situation stecken, gesegnet. Aber vielleicht macht unser Erlebnis doch dem einen oder anderen Paar Mut, den Schritt zu wagen./p>

Ich wünsche allen, denen es so geht wie uns, möglichst viele gute Erfahrungen. Die machen Mut - und geben Kraft für die wenigen guten!