Dispens entlarvt sich als Gewaltakt

Wenn der Text des römischen Dispens-Dekrets auch seit 1980, als die neuen strengen Normen von Johannes Paul II. eingeführt wurden, bekannt ist, dürfte es doch verwundern, dass noch immer derselbe Text angewandt wird. Manch dispensierter Priester, der ihn nur auf Latein erhält, wird vielleicht für die Übersetzung dankbar sein.

Das Dekret enthüllt eine panische Angst vor dem Image-Verlust des zölibatär konzipierten Priesters. Das Bild einer geschlossenen ehelosen Priesterschaft soll unter allen Umständen gewahrt bleiben. Der dispensierte Priester soll möglichst unauffällig heiraten (das Sakrament der Ehe möchte man am liebsten schamhaft verstecken), er soll sich an den Orten seines (zölibatären) Wirkens nicht blicken lassen, er soll nur ja keine Theologen unterrichten, denn dann könnte er ja die zukünftigen Theologen mit seiner Liebe zur Ehe und seinem Zweifel am Zölibat anstecken. Nicht einmal die Kommunion austeilen darf er, denn dann würde man ihn ja noch in der Nähe des Altares und Tabernakels sehen, wo er nun nicht mehr hingehört. Allenfalls darf er, wenn das kein Ärgernis gibt, in der Schule Religionsunterricht erteilen, aber nur, wenn der Bischof das entscheidet.

Mit all dem unterläuft die römische Behörde die dogmatische Wahrheit von der Unverlierbarkeit der priesterlichen Aufgaben und Befähigungen. Widerstrebend wird auf die Vollmachten und Pflichten im Todesfalle hingewiesen; wie soll aber ein Gläubiger wissen, dass er sich an den dispensierten Priester wenden kann, wenn nicht einmal sein Aufenthaltsort, geschweige denn sein Staus als Priester bekannt gemacht werden darf? Ganz abgesehen davon, dass die katholischen Ostkirchen-Priester hierdurch ebenfalls diskriminiert und als Priester zweiter Klasse eingestuft werden, und daß ein Gläubiger sich nach dem Codex an einen orthodoxen Priester zur Kommunionspendung wenden darf (can. 844,2 CIC), an einen dispensierten katholischen aber nicht. Die Absurditäten werden angesichts des Priestermangels und der ökumenischen Beziehungen immer größer.

Am Anfang offenbart sich das Reskript als ein Gewaltakt - und nicht als ein Gnadenakt, wenn es die Trennung von Dispens und Verlust des klerikalen Standes verbietet. Damit gibt die Kongregation zu, dass die meisten Priester gerne das eine ohne das andere hätten: Das priesterliche Engagement möchten die meisten Priester, die um Dispens bitten, aufrechterhalten. Die Kirchenleitung verbietet es ihnen. Ob sie das vor ihrem Richter, der gesagt hat: "Löschet den Geist nicht aus", verantworten können, mögen sie selbst entscheiden.

Heinz-Jürgen Vogels