Wissenswertes über das Pflichtzölibat

Zölibat - menschenwürdig?

Vortrag von Johannes Kohnen, VKPF, beim Herbsttreffen der KirchenVolksBewegung - Wir sind Kirche - in der Diözese Speyer, am 16.11.2002 in Neustadt/Weinstraße.

Vortrag von Johannes Kohnen, VKPF, beim Herbsttreffen der KirchenVolksBewegung - Wir sind Kirche - in der Diözese Speyer, am 16.11.2002 in Neustadt/Weinstraße.

Einleitung

Eine zentrale Forderung des KirchenVolksBegehrens, der KirchenVolksbewegung, bzw. von "Wir sind Kirche" lautet unter Nummer drei: "Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform. Die Bindung des Priesteramtes an die ehelose Lebensform ist biblisch und dogmatisch nicht zwingend, sondern geschichtlich gewachsen und daher auch veränderbar. Das Recht der Gemeinden auf Eucharistiefeier und Leitung ist wichtiger als eine kirchenrechtliche Regelung." Lautete das Thema des Referats im Sinne dieser Forderung: Ist der Zölibat ein Dogma? Oder: Ist der Zölibat biblisch begründet?, dann hätten Sie mir im Grunde eine leicht zu beantwortende Frage gestellt. Die Antwort wäre nein. Es gibt in der Bibel kein Zölibatsgesetz und es gibt kein Zölibatsdogma. Sie haben mir aber eine andere, weitaus schwierigere Frage gestellt: Ist der Zölibat menschenwürdig? Wer eine solche Frage stellt, dem sind zumindest Zweifel daran gekommen, dass sich in menschenwürdiger Weise zölibatär leben lässt. Gewiss wird er dem zölibatär lebenden Menschen nicht die Menschenwürde absprechen. Das ist ja mit der Frage: Zölibat - menschenwürdig? wohl nicht gemeint. Einem Sklaven darf man die Menschenwürde nicht absprechen, im Gegenteil, auch wenn er dieser Würde entsprechend in keiner Weise leben kann. Es kann also nur um die Frage gehen, ob die zölibatäre Lebensform mit der Würde des Menschen, konkret des Priesters in Übereinstimmung zu bringen ist. Mir scheint, wir müssen von drei Seiten der Menschenwürde sprechen: die erste und grundlegende, die mit dem Leben des Menschen unverlierbar vorgegeben, die zweite, die in der konkreten Lebensgestaltung dem einzelnen aufgegeben ist und im schlimmsten Fall verloren geht; und die dritte, die mir menschliche Einrichtungen, Institutionen und Gesetze (Zölibatsgesetz) gewähren, fördern oder auch einschränken, gar rauben können. Gewiss kann man nicht von vornherein ausschließen, dass ein zölibatäres Leben entsprechend der Menschenwürde möglich ist. Wo ein solches Leben gelingt, ist diese Würde gewahrt. Wo es nicht gelingt, ist diese Würde zumindest gefährdet. Man muss sich auch die Frage zugespitzt stellen, ob das zölibatäre Leben zu einem würdelosen Leben verkommen kann.

Nun sprechen wir vom Zölibat nicht in einem "luftleeren Raum", sondern in der konkreten römisch-katholischen Kirche. In dieser Kirche, und nur in dieser Kirche, ist der Zölibat von ganz zentraler Bedeutung; man kann fast den Eindruck gewinnen, als ob es sich dabei um ein Dogma handelt. Unkundige Journalisten und Leserbriefschreiber schreiben denn auch vom "Zölibatsdogma" in der Zeitung. Aber, was heißt hier unkundig? Nach außen gibt sich die Kirche diesen Anschein - und der wird wahrgenommen. Insofern ist die Rede vom Dogma so falsch nicht. Um aber differenzierter unsere Ausgangsfrage nach der Menschenwürdigkeit bzw. Menschenunwürdigkeit des Zölibats beantworten zu können, sollten wir uns zunächst schon etwas genauer ansehen, was mit dem Zölibatsgesetz gemeint ist. Zölibatsgesetz, das hört sich ja u.U. sehr abstrakt an, aber es betrifft konkrete Menschen und greift ganz zentral in das Leben dieser Menschen ein. Deshalb ist es notwendig, gerade weil es um Menschen geht, präziser hinzuschauen, was mit Zölibat gemeint ist. Dies tue ich in zwei Schritten: eine kurze Geschichte des Zölibats und das geltende Recht.

Kurze Geschichte des Zölibats

Im Neuen Testament ist der Zölibat kirchlicher Amtsträger nicht anzutreffen (vgl. nur die Aussage von der freiwilligen Ehelosigkeit "um des Reiches Gottes willen", Mt 19,12). Paulus stellt eine Ausnahme dar. Die Priester in der abendländischen Kirche bleiben, wenn auch nicht unangefochten, in der Regel über 1000 Jahre hindurch verheiratet. Erst im 11./12. Jahrhundert wurde der Zölibat als Kirchengebot durchgesetzt. Er ist also von der Kirche eingesetzt - und er kann daher auch von der Kirche aufgehoben werden. Bereits gegen die ersten Versuche, die Ehelosigkeit für Priester durch ein Konzil verbindlich vorzuschreiben, wurden Einwände erhoben. So wies Bischof Paphnutius auf dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 darauf hin, dass durch die Verpflichtung des höheren Klerus zur Ehelosigkeit die Bedeutung der Ehe herabgesetzt werde. E. Schillebeeckx vertritt die Ansicht, dass auf dem nizäischen Konzil von 325 über die Enthaltsamkeit von Priestern nicht diskutiert worden sei, dies vielmehr eine im 5. Jahrhundert entstandene Legende sei. (E. Schillebeeckx, Das kirchliche Amt, Düsseldorf 1981, 133). Als das 2. Laterankonzil (1139) den Empfang der höheren Weihen zu einem trennenden Ehehindernis erklärte und damit die Zölibatsverpflichtung für die Kleriker vorsah, entfachte sich ein vehementer Protest der Theologen, Priester und Bischöfe gegen diese gesetzliche Verordnung, die auch nach ihrem Inkrafttreten nicht immer befolgt wurde. Bereits vor dem 2. Laterankonzil war die Heirat eines Priesters verboten, aber dennoch gültig. Der verheiratete Priester musste allerdings sein Amt niederlegen.

Auf dem Trienter Konzil (1545 - 1563) wurde zum Zölibatsgesetz von 1139 außer dass im Zusammenhang mit der Ehelosigkeit die Gabe der Keuschheit erwähnt wurde, grundsätzlich nichts Neues gesagt. Es wurde vielmehr gegenüber den Angriffen der Reformatoren verteidigt. Allerdings wollte das Tridentinum den älteren Brauch, verheiratete Männer zu den niederen Weihen zuzulassen, wieder aufleben lassen. Im 18. u. 19. Jahrhundert gelangte der Zölibat aufgrund einer antimönchischen und antirömischen Stimmung in Verruf, und die Priesterehe wurde gefordert. Die Forderung nach der Aufhebung des Zölibatsgesetzes ergab sich auch aus dem neuzeitlichen Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung. Dass eine Personengruppe durch ein Gesetz vom Bürgerrecht der Ehe ausgeschlossen wurde, schien mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung vom 26.8.1789 nicht mehr vereinbar zu sein. Als Gründe gegen die gesetzliche Verpflichtung des Zölibats für Priester wurde neben dem Verstoß gegen die Menschenrechte auch der Widerspruch zu Vernunft, Offenbarung und Naturgesetz vorgebracht.

Die Haupteinwände gegen den Pflichtzölibat bezogen sich auf dessen Zwangscharakter, auf die mit ihm verbundene Diskriminierung der Ehe und auf den "kastenmäßigen Sonderstatus des Priesters". Mit der Aufhebung des Priesterzölibats sollte ferner ein Beitrag zur Ökumene geleistet und eine Wiedervereinigung der christlichen Kirchen ermöglicht werden.
Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil wurde das Zölibatsgesetz nicht unter theologischen Gesichtspunkten behandelt. Die Konzilsväter verurteilten dezidiert das Konkubinat der Kleriker, das auch zu der Zeit in manchen Gebieten gar nicht so selten war. Deshalb wurden ebenfalls die bereits vom Tridentinum verhängten Strafen für Nichtbeachtung des Zölibatsgesetzes bestätigt und erneut eingeschärft. Im CIC/1917 wurde die priesterliche Ehelosigkeit und Keuschheit in c.132 §1 kodifiziert. (Zur kurzen Geschichte des Zölibats habe ich folgende Literatur verwendet: Wolfgang Trilling, Priestertum und Zölibat, Predigt am 25.9.88 in der Liebfrauenkirche zu Leipzig. - Felix Bernard, Der Bonner Rechtsgelehrte Ferdinand Walter [1794 - 1879] als Kanonist. Ein Beitrag zur Geschichte der Kirchenrechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts).

Das geltende Recht - Voraussetzungen zum Zölibat

Kleriker sind von Rechts wegen verpflichtet zum Zölibat, d.h. zur Übernahme einer Lebensführung in vollkommener und ständiger Enthaltsamkeit (c. 277 §1). Gemäß der Legaldefinition versteht das kirchliche Recht unter Klerikern einen Teil der Gläubigen, die kraft göttlicher Weisung durch den Empfang des Sakramentes der Weihe geistliche Amtsträger wurden und sich insofern von den Laien als den übrigen, nichtgeweihten Gläubigen unterscheiden (c. 207 §1 iVm c.1008). Diese Lebensform der Enthaltsamkeit gilt als eine besondere Gabe Gottes und wird theologisch begründet mit der besonderen Verwiesenheit des Geweihten auf das Reich Gottes, so dass die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus nachfolgen und sich freier dem Dienst für Gott und für die Menschen widmen können. Ordensleute übernehmen die Zölibatsverpflichtung als Evangelischen Rat der Keuschheit (c. 599). Nach c.1037 müssen unverheiratete Bewerber vor der Zulassung zur Diakonenweihe nach dem vorgeschriebenen Ritus öffentlich vor Gott und der Kirche das Zölibatsversprechen ablegen. Davon ausgenommen sind die verheirateten Diakone und die Ordensmänner, die bereits in ihrem Institut die ewigen Gelübde abgelegt haben. Das Weihehindernis des bestehenden Ehebandes besteht nicht für Anwärter auf den ständigen Diakonat (c. 1042 n.1). Die Verpflichtung zum Zölibatsversprechen gilt grundsätzlich auch für verwitwete Bewerber zum Diakonat. Zur Einhaltung des Zölibats wird ein bestimmter Umgang mit anderen Personen (Männern und Frauen) verpflichtend gemacht (c. 277 §2). Für die Alumnen wird eine besondere Erziehung im Seminar zur Einhaltung des zölibatären Standes gefordert (c. 247 §1), bei der sie über die mit dieser Lebensform verbundenen Pflichten und Belastungen ohne Einschränkungen informiert werden müssen (c. 247 §2).

Befreiung vom Zölibat

Unter bestimmten Umständen kann der Papst Dispens von der Zölibatsverpflichtung gewähren (c. 291). Das Ausscheiden aus dem Klerikerstand, die sogenannte Laisierung (cc. 290-293), bringt nicht in jedem Fall auch eine Entbindung von der Zölibatsverpflichtung mit sich. Die Freistellung von der Zölibatsverpflichtung ist nur gegeben, wenn durch ein Gerichtsurteil oder ein Verwaltungsdekret die Ungültigkeit der Weihe festgestellt wurde (c. 291 iVm c.290 n.1). Das Dispensverfahren ist geregelt in den Litterae der Glaubenskongregation vom 14. Oktober 1980 (AAS 72 - 1980 - S. 1132 - 1137). Demzufolge kann ein sog. Laisierungsantrag gestellt werden, wenn Priester ihren Dienst schon lange aufgegeben haben und ihren Lebensstand ordnen wollen, ferner können Priester, die aufgrund eines nicht ausreichenden Maßes an Freiheit und Verantwortlichkeit die Weihe empfangen haben, oder wenn die zuständigen kirchlichen Autoritäten nicht in der Lage waren, beim Weihekandidaten die Voraussetzungen für die Übernahme angemessen zu beurteilen, ob er tatsächlich zu einem Leben im Zölibat geeignet war, aus dem Klerikerstand entlassen werden.

Dispenspraxis unter JP II.

(Die Ausführungen zum geltenden Recht übernehme ich aus: Ilona Riedel-Spangenberger, Grundbegriffe des Kirchenrechts, Paderborn 1992, S. 241f.)

Die Laisierungsanträge der Priester unterliegen einer äußerst restriktiven Dispenspraxis, die dem ausdrücklichen Wunsch des Papstes Johannes Paul II. nach der Rückkehr zu einer strengeren und vorsichtigeren Vorgehensweise entspricht, die jener des Codex Iuris Canonici von 1917 nicht unähnlich ist und die dem Gemeinwohl der Kirche und wegen ihrer Beispielwirkung auch dem geistlichen Wohl der Priester und der Priesteramtskandidaten Rechnung trägt. Diese Strenge findet konsequenterweise auch ihren Niederschlag im Codex von 1983, wo es im C. 290 unter Nr. 3 heißt, dass der Priester den klerikalen Stand durch Gewährung des Reskriptes vom Apostolischen Stuhl "nur aus sehr schwerwiegenden Gründen" verliert. Diakone verlieren ihn hingegen "aus schwerwiegenden Gründen".

Der Papst war von der großen Anzahl der Zölibatsdispensen betroffen, drosselte deren Erteilung und verfügte neue Überlegungen zur Dispenspraxis. Als Ergebnis wurden von der Kongregation für die Glaubenslehre am 14. Oktober 1980 neue Verfahrensnormen für die Zölibatsdispens erlassen. Im Zuge der Kurienreform durch die Apostolische Konstitution "Pastor Bonus" vom 28. Juni 1988 ging die Zuständigkeit für die Dispenserteilung für alle nach dem 1. März 1989 an den Apostolischen Stuhl gelangten Dispensanträge auf Verfügung des Papstes an die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung über. Schließlich regelt der Rundbrief der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung vom 3. Juni 1997 die schwierigere Dispens der Priester unter 40 Jahren.

Dem Papst geht es um ein traditionelles Priesterbild, das durch die vielen Dispensen zunehmend zerstört wird. In seinem Schreiben an alle Priester zum Gründonnerstag 1979 bezeichnet er die Meinung als irrig, dass der Zölibat nichts anderes sei als ein einfaches Gesetz, das jene, die die Weihe empfangen, mit übernehmen. Der Zölibat sei auch ein Versprechen gegenüber Christus und der Kirche, das Treue fordert, und das mit dem lebenslänglichen Treueversprechen der Brautleute bei der Eheschließung zu vergleichen ist.

Auswirkungen der Laisierung

Noch ein paar kurze Ausführungen zu den Rechtswirkungen beim Ausscheiden aus dem Klerikerstand: Nur bei rechtswirksamem Ausscheiden im Zuge des Weiheprozesses ist auch die Befreiung von der Zölibatspflicht gegeben (cc. 290 n.1, 291). Durch die strafweise Entlassung oder gnadenweises Ausscheiden verliert der Kleriker alle mit dem geistlichen Stand verbundenen Rechte und Pflichten mit Ausnahme der dem Papst persönlich vorbehaltenen Zölibatspflicht. Nach dem Ausscheiden besteht auch kein Anspruch auf Unterhalt mehr (c. 281). Staatliche Regelungen in Deutschland und Österreich verlangen jedoch die Nachentrichtung von Sozialversicherungsbeiträgen für die geleistete Dienstzeit. Bei aufrechtem Dienstwillen bleibt der Unterhaltsanspruch aber erhalten, wenn der Priester die Dispensbitte eingebracht hat, auch wenn er vorsorglich oder wegen Zölibatsvergehen von der Ausübung der empfangenen Weihegewalten suspendiert wurde. Nur durch standesamtliche Eheschließung verliert er von Rechts wegen sein Amt, selbst wenn durch dieses der Unterhalt gesichert wird (cc. 1394 §1, 194 §1 n.3, 195). Dem Ausgeschiedenen ist die Ausübung der Weihegewalt untersagt, ausgenommen die Lossprechung in Todesgefahr (cc.292,976), somit auch der Vollzug liturgischer Funktionen und die Sakramentenspendung.

(Die Ausführungen zur Dispenspraxis sind übernommen aus: Gerhard Fahrnberger, Das Ausscheiden aus dem Klerikerstand, S. 283 -292. In: Handbuch des katholischen Kirchenrechts. Hrsg. v. Joseph Listl u. Heribert Schmitz, 2. Aufl. Regensburg 1999.)

Menschenwürdiges Zölibat?

Wir haben auf die Geschichte des Zölibats geblickt und uns das geltende Recht angeschaut. Die Probleme mit der Einhaltung und Akzeptanz dieses Gesetzes wurden schon in der Geschichte deutlich. In unseren Tagen wieder verstärkt. Trotz aller Verschärfung des Gesetzes, etwa in der restriktiven Dispenspraxis durch den jetzigen Papst, wird das Gesetz häufig missachtet. Warum? Hängt das mit unserer Ausgangsfrage zusammen? Weil es nicht menschenwürdig ist? Schauen wir uns immer diese Frage nach der Menschenwürdigkeit im Hinterkopf, die aktuelle Situation von vom Zölibatsgesetz betroffenen Priestern näher an. Ich tue dies unter Berücksichtigung von Literatur und aus vielen Erfahrungen mit betroffenen Priester und ihren Frauen, bzw. Partnerinnen und nicht zuletzt auch aus eigenen Lebenserfahrungen als selbst Betroffener. Der Diplom-Psychologe und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg, Wunibald Müller, schreibt in seinem Buch "Liebe und Zölibat, Wie eheloses Leben gelingen kann": "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß viel Leid, viel Depression, viel Hoffnungslosigkeit auf der einen Seite und Unwahrhaftigkeit, Doppelbödigkeit und Heuchelei auf der anderen Seite im Zusammenhang mit dem Zölibat in die Herzen vieler Priester eingezogen sind.

Mehr Leiden als Hilfe

Ich sage das als jemand, der Ja sagt zu seiner Kirche und der unzähligen Männern und Frauen begegnet ist, die als Zölibatäre wegen des Zölibats viel zusätzlich Schmerzvolles und Dunkles in ihrem Leben erfahren haben. Der zölibatäre Weg soll in der Kirche weiterhin eine mögliche, ja wichtige Form der Lebensverwirklichung darstellen. Allein für das Gros der Priester ist er offensichtlich nicht der Weg, der ihrer Lebensverwirklichung und darin auch ihrer Selbst-Verwirklichung entspricht." (S. 20). Ich kann mich dieser Einschätzung Müllers aus eigener Erfahrung nur anschließen. Die Liste der dunklen Seiten des Zölibats ist lang. Ein paar Seiten davon sind in dem Zitat von Müller schon angeklungen. Müller spricht von Selbst-Verwirklichung. Dem Gros der Priester dient der Zölibat nicht dieser Selbstverwirklichung. Was verwirklichen dann diese Priester in ihrem Leben, wenn nicht sich selbst? Sich selbst zu verwirklichen, hängt das nicht auch zentral mit der Würde des Menschen zusammen, mit der Seite der Würde, die dem Menschen zur Verwirklichung aufgegeben ist - wir sind bei unserer Ausgangsfrage? Es liegt nahe, hier von Selbstentfremdung durch Zölibat zu sprechen.

Müller setzt die Liste der Unwörter zum Zölibat fort: "Vom zölibatären Leben unserer Priester geht augenblicklich mehr Ungelebtheit, Unfreiheit, Unglaubwürdigkeit, Leblosigkeit als Lebendiges, Hingebungsvolles, Offenes, Freies, Segensreiches aus." (S. 22). Bei soviel negativer Erfahrung, die Müller mit seiner klerikalen Klientel macht, wundert es nicht, dass er schreibt: "Ich will einfach aus Liebe zu den Priestern u n d zu meiner Kirche meine Stimme einbringen und darum bitten, um der von Gott geschenkten Menschlichkeit willen die Zölibatsverpflichtung für Priester aufzuheben. Ich sehe hier soviel Not, soviel Leben im Verborgenen, soviel Un-Heiliges und Un-Heilvolles." Wir sehen, die Liste der Unwörter zum Zölibat ist noch immer nicht zu Ende. Da wundert es schon fast, dass er sein Buch im Untertitel "Wie eheloses Leben gelingen kann" nennt. Er versucht im Grunde einen Spagat zwischen der Hilfe des am Zölibat Gescheiterten und der von der Kirche für Priester eingeforderten Lebensform Zölibat. Dabei gerät er auch in widersprüchliche Aussagen. Das erkennt er auch selbst, wenn er im Vorwort zu seinem Buch schreibt: "Die eine Aussage mag eine andere Aussage von mir relativieren oder ihr gar widersprechen." (S. 12). Taucht hier der viel zitierte "hilflose Helfer" in Sachen Zölibat auf? Taucht er vielleicht gerade deshalb auf, weil es ein Helfer im Auftrag der kirchlichen Institution ist?

An drei Problembereichen möchte ich die Widersprüche in Müllers Buch noch etwas verdeutlichen und dabei zeigen, wie sie eine Gefährdung eines menschenwürdigen zölibatären Lebens darstellen, wenn sie nicht aufgelöst werden. Der erste Problembereich befasst sich mit der Sexualität, der zweite mit der doppelten Berufung zum Zölibat und zum Priesteramt und der dritte mit dem Vergleich von Ehe und Zölibat.

Zölibat und Sexualität

Zur Sexualität: Müller unterscheidet die gefühlsmäßige Seite der Geschlechtlichkeit von der genitalen Sexualität. Er schreibt: "Das Bedürfnis und Verlangen nach Beziehung, Annahme und Intimität kann in der sexuellen-genitalen Beziehung erfahren, gelebt und gefeiert werden. Zugleich kann dieses Bedürfnis aber auch auf andere Weisen als der genitalen Begegnung befriedigt und erfüllt werden. Ist dieses Verlangen nach Beziehung und Intimität "gestillt", dann ist eine Seite der Sexualität, nämlich die gefühlsmäßige Seite, befriedigt, in dem Sinne, dass sie gewürdigt, zugelassen und gelebt wird. Und es ist die Seite der Sexualität, deren "Befriedigung" innerhalb der Bedürfnishierarchie der menschlichen Bedürfnisse v o r der Befriedigung der genitalen Sexualität kommt. Das heißt, sie ist von grundsätzlicherer Bedeutung für die Entwicklung und Verwirklichung des Menschen als die "Befriedigung" der genitalen Sexualität. Wenn ich das in Anlehnung an Abraham Maslow sage, dann bin ich mir durchaus bewusst, dass eine künstliche Trennung von genitaler und gefühlsmäßiger Sexualität auch problematisch ist. Andererseits kann diese Unterscheidung die Aussage von Abraham Maslow (1970, 107) verständlicher machen, dass der Verzicht auf gelebte genitale Sexualität nicht notwendigerweise zu psychischen Schäden führt." (S. 33).

Der zölibatär lebende Mensch muss diese Trennung nun nicht künstlich, sondern in seinem Leben praktisch durchführen. Er muss auf den genitalen Teil der Sexualität verzichten. Nach Müller ist dies möglich, weil das grundlegendere menschliche Bedürfnis sich in der gefühlsmäßigen Seite der Sexualität zeigt. Beziehungsfähigkeit und Intimität ohne Genitalität stehen für diese gefühlsmäßige Seite. Der Zölibatär, der diese Seite der menschlichen Sexualität nicht leben kann, der wird krank. Andererseits schreibt Müller: "Groß ist auch der Verzicht, der damit einhergeht, der Lust und Erfahrung von Entspannung zu entsagen, die mit der orgastischen Erfahrung verbunden sein kann. Gerade in diesem Bereich werden nicht wenige die größten Probleme haben. Oft müssen hier die Selbstbefriedigung oder gelegentliche sexuelle Kontakte herhalten, um dem Druck, dem Verlangen nach Entspannung, nach orgastischer Lusterfahrung gerecht zu werden. Das bleibt bei vielen ein wunder Punkt, auch dann, wenn sie viele andere Möglichkeiten - wie die Erfahrung von Intimität durch bedeutungsvolle Beziehungen - genutzt haben." (S.36). In diesem Zitat von Müller wird doch die Grenze der Trennung von gefühlsmäßiger und genitaler Sexualität recht deutlich. Die Erfahrung einer Intimbeziehung ohne genitale Sexualität in dieser Beziehung scheint nicht ausreichend für ein glückliches Leben zu sein. Und ist eine solche (ab)-gespaltene Sexualität nicht doch letztendlich menschenunwürdig? Das scheint doch ebenfalls laut Müller für viele - ein anderes Wort für "nicht wenige" - im "Zölibat" lebende Menschen so zu sein. Müllers Erfahrungen decken sich auch mit meinen eigenen Erfahrungen und ich vermute, dass wir mit diesen Erfahrungen nicht alleine stehen.

Doppelte Berufung?

Zur doppelten Berufung zum Zölibat und zum Priesteramt: Müller schreibt: "Nur wenn der Zölibat nicht als ein Anhängsel beispielsweise des Priesterseins verstanden wird, wenn der innere Ruf dazu und die innere Bereitschaft dafür nicht minder groß ist als der innere Ruf und die innere Bereitschaft, Priester zu werden und zu sein, besteht eine große Chance, dass jene, die sich für ein zölibatäres Leben entscheiden, auch in der Lage sind, ein insgesamt glückliches und psychologisch gesundes Leben zu führen." (S. 41). Es bedarf also unter den gegebenen Umständen zum Glück eines Priester der Doppelberufung zum Priesteramt und Zölibat.

Müller fährt fort: "Ein uneingeschränktes Ernstnehmen auch des Rufes zu einem zölibatären Leben hat darüber hinaus zur Folge, dass ich in leben, einen anderen Weg einschlagen muss. Es sei denn der Ruf, zum Beispiel Priester zu werden, ist so tief, dass ich aus dieser Tiefe heraus, ohne mir etwas vorzumachen, ein reifes, von meinem Leben durchdrungenes Ja zum zölibatären Leben sprechen kann." (S. 41f). Bei dem letzten Satz des Zitats, der mit "es sei denn der Ruf" beginnt, scheint nun wieder nur von einem Ruf die Rede zu sein, nämlich dem, beispielsweise Priester zu werden aus einem besonders tiefen Ruf heraus. Was geschieht nun aber, wenn dieser Ruf so tief geht, dass er den ganzen Menschen erfasst, wie es ja beim Priesterberuf nicht anders sein kann, aber gleichzeitig kein Ruf zum Zölibat vorhanden ist? Nach der Logik von Müller bleibt nur der Verzicht auf den Priesterberuf. Das heißt, es ist eine Berufung da, die nicht gelebt werden kann. Theologisch betrachtet liegt eine Berufung vor, von der schwer zu sagen ist, was sie für einen Sinn im Leben eines Menschen haben soll, wenn sie nicht ausgeübt werden darf. Gott beruft und befähigt einen Menschen zum Priesterberuf und gleichzeitig befähigt er ihn nicht, dass er eine zentrale Bedingung für die Ausübung dieses Berufes erfüllen kann, nämlich zölibatär zu leben. Dass es echte Berufungen ohne Zölibat gibt, lässt sich schwerlich leugnen. Selbst die kirchliche Gesetzgebung erkennt das an.

Der laisierte Priester bleibt weiterhin Priester, auch wenn er sein Amt - mit Ausnahme des Notfalls - nicht ausüben darf. Man kann doch den Widersprüchen nicht entkommen. Liegt eine echte Berufung vor, aber keine zum Zölibat, so muss sich der Berufene umorientieren, einen anderen Beruf ergreifen und darin glücklich werden. Die ursprüngliche Berufung zum Priester muss also wieder zum Verschwinden gebracht werden, ansonsten besteht doch die Gefahr, dass der Berufene eben in dem Ausweichberuf nicht glücklich wird. Man kann natürlich auch Gott aus dem Spiel lassen und nur alles psychologisch betrachten. Das mag für so manchen Betroffenen sogar hilfreich sein, aber lässt sich die ursprüngliche Berufung, dieser "tiefe Ruf" einfach wegtherapieren? Muss er nicht, wenn er schon in der konkreten Kirche nicht gelebt werden kann, in anderer Form in einem anderen Beruf integriert werden? Das haben doch auch viele betroffene Priester, die ihr Amt aufgeben mussten, gezeigt, dass das möglich ist. Sie mussten lernen, nicht nur ihre Sexualität in humaner Weise zu leben, sondern auch durch eine Art "Verschiebung" ihre ursprüngliche Priesterberufung in einem anderen Beruf zu integrieren. Das dies nicht immer gelingt, braucht nicht besonders betont zu werden. Dass die Kirche, diese Art von priesterlicher Existenz kaum wahrnimmt, braucht ebenfalls nicht betont zu werden. Menschliche Entwicklung, die anders verläuft, als sie die kirchlichen "Ständebahnen" vorsieht, wird nicht von der Kirche gewürdigt. Das gilt sowohl für "gescheiterte" Priester ebenso wie für "wiederverheiratete" Geschiedene. Gott schreibt auch auf krummen Wegen gerade, im Gegensatz zu den kirchlichen geraden Wegen, die keinen Absolutheitsanspruch für sich reklamieren dürfen, die es aber faktisch tun.

Ehe und Zölibat

Zum problematischen Vergleich zwischen Ehe und Zölibat: Müller schreibt: "Das heißt der Entscheidung, zölibatär zu leben, kommt das gleiche Gewicht zu wie der Entscheidung, in der Form einer Ehe, mit einem Partner oder einer Partnerin, zu leben. Beide Entscheidungen kennen den gleichen Grad an Verbindlichkeit. Beide haben einen öffentlichen Charakter, beide stellen Lebensweisen dar, die durch das Sakrament, beziehungsweise Gelübde und Versprechen in einem besonderen religiösen Kontext stehen. Ein Kennzeichen dieser als einen öffentlichen Lebensstil der Kirche gewählten Lebensform Zölibat ist die Enthaltung von genitaler Sexualität." (S. 17). Und weiter heißt es: "Im Sinne eines kirchlich öffentlichen Lebensstils zölibatär zu leben, schließt die Offenheit für eine Beziehung, die auf eine Lebensgemeinschaft hinausläuft, die die genitale Sexuelle Dimension einschließt aus." (S.18).

Eine solcher Vergleich zwischen Ehe und Zölibat, bei dem ein gleicher Grad der Verbindlichkeit für beide Lebensformen bestehen soll, wird von Gesprächspartnern häufig gezogen. Von Eheleuten verlangt die Kirche auch eine endgültige Entscheidung und Bindung. Auch der Priester bindet sich durch das Zölibatsversprechen endgültig. Warum sollen ihm mehr Freiheiten eingeräumt werden als den Eheleuten. Das ist nicht einzusehen. Das wäre ungerecht. So oder so ähnlich wird in den Gesprächen argumentiert. Mir scheint, eine solche Argumentation ist etwas zu einfach. Ich zitiere Wolfgang Trilling: Die Ehelosigkeit des Priesters "ist nicht begründet in der Natur des Menschen. Denn der Mensch ist von Natur her auf eine Begegnung mit dem andersgeschlechtlichen Partner, letztlich auf die Ehe eingerichtet. Dies ist für uns vor allem zu bedenken, wenn wir priesterlichen Zölibat und Ehe miteinander vergleichen, wie es häufig geschieht:`Wir Eheleute dürfen uns ja auch nicht einfach trennen und unser Ja-Wort zurücknehmen. Das dürfen also auch Priester nicht!` Wer so spricht, der übersieht, dass das Ja-Wort in der Ehe der Ordnung der Natur und dem Willen des Schöpfers entspricht (vgl. Gen 2,24), der Zölibat aber gerade nicht. Beides ist unvergleichbar, ...".

Sicher kommt einem öffentlichen Versprechen, sei es als Gelübde, Ja-Wort zur Ehe und als Zölibatsversprechen, eine Verbindlichkeit zu, die ernst zu nehmen ist und nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf. Jedoch wird durch ein Zölibatsversprechen sicher nicht das Naturrecht auf Ehe außer Kraft gesetzt. Wenn nun ein Priester erkennt, dass er sein Zölibatsversprechen nicht halten kann, weil er sich sonst in seiner Persönlichkeitsentwicklung massiv beeinträchtigen würde, steht ihm dieses Recht zur Ehe uneingeschränkt zu. In diesem Fall ist es seine Gewissenspflicht, dieses Recht für sich in Anspruch zu nehmen. Ansonsten ist die Menschenwürde (im Sinne der aufgegebenen Menschenwürde) seines Lebens ernsthaft gefährdet, er würde ja dann gegen seine innersten natürlichen Strebungen verstoßen.

Sogar unser jetziger Papst hat zu Konzilszeiten als Bischof offenbar ein gewisses Verständnis für das Recht auf Ehe für Priester gezeigt. So habe ich es jedenfalls in einer Fußnote in dem Buch von Felix Bernard, Der Bonner Rechtsgelehrte Ferdinand Walter als Kanonist gefunden. Dort heißt es: "Hervorzuheben ist die Position des damaligen Titularbischofs von Krakau, Karol Wojtyla, der sich nachdrücklich für die Einführung einer Dispenspraxis bei erheblichen Zölibatskonflikten einsetzte. Als ersten und wichtigsten Grund für die Dispens vom Zölibatsgesetz nennt er das Heil des an diesem Gesetz gescheiterten Priesters, auf das dieser aufgrund göttlichen Gesetzes ein Recht habe (AcDocVat I,II,II, 745). Wojtyla sieht die Zölibatsverpflichtung als ein rein kirchliches Gesetz an (ebd.), das zwar die Ausübung des Naturrechts auf Ehe, aber niemals dieses selbst, einschränken kann." (S. 408). Karol Wojtyla scheint nun bedauerlicherweise als Papst offensichtlich eine Wandlung durchgemacht zu haben. Sonst ist es ja nicht verständlich, dass er den Priestern durch die langen Wartezeiten bei den Dispensverfahren, die Ausübung des Naturrechtes auf Ehe in kirchlich anerkannter Form - in seinem Sinne zu deren Heil - für viele Lebensjahre nicht ermöglicht.

Krise des Priestertums

Das Zölibatsproblem ist nur ein Problem der vielen Probleme des Priestertums heute. Es darf insofern nicht isoliert betrachtet werden. Eine Entwürdigung des Menschen im Priesteramt kann auch in der Trennung vom normalen Laien gesehen werden. Dies kann nur noch skizzenhaft angedeutet werden, weil sonst das Referat zu lang wird. Es sollte aber zumindest in ein paar Sätzen noch angedeutet werden. Ich stütze mich dabei auf Ausführungen von Bogdan Snela im Neuen Handbuch theologischer Grundbegriffe, herausgegeben v. Peter Eicher, Bd.4. Snela schreibt: "Der Versuch des II. Vatikanums, die Dauerkrise des Priestertums zu überwinden, trägt offenkundig die ganze Last dieser dogmengeschichtlichen Verstrickung." Als eine besonders schlimme Form dieser Verstrickung führt er eine blasphemische Formulierung des weit verbreiteten sog. Catechismus Romanus (1566) an. Darin heißt es: "Die Bischöfe und Priester werden in ihrer durch nichts zu übertreffenden Funktion (illorum functionem, qua nulla maior excogitari possit) mit Recht nicht nur Engel, sondern auch Götter genannt (merito non solum angeli, sed dii etiam ... appellantur), weil sie des unsterblichen Gottes Kraft und Hoheit bei uns vertreten."

Wenn die Sache so steht, dann ist es klar, dass es keine Zölibatsprobleme und auch keinen Verlust von Menschenwürde des Priesters gibt, er ist eben kein normaler Mensch mehr. Zurück zur Gegenwart, in der allerdings solche blasphemischen Gedanken in abgeschwächter Form nachwirken. "Die brennenden Fragen der priesterlichen Existenz von heute hat das II. Vatikanum nicht klar genug und den Erwartungen entsprechend gestellt und auch noch nicht gelöst. Die nachkonziliare Entwicklung stellt einen Rückschritt dar. Spätestens seit dem Schreiben Papst Johannes Pauls II. an alle Priester der Kirche (1979) erfolgte in Grundzügen die Restauration der "Sazerdotalisierung" der Hierarchie.

Die priesterliche Existenz und konkrete Situation der Amtsträger wird nach wie vor nicht ernstgenommen und durch binnenkirchliche Zwänge bestimmt. Anstatt einer theol. Durchdringung und Entscheidung in der Freiheit des Christenmenschen vom NT her wird der gewöhnliche Priesteramtsträger genötigt, das von der Oberschicht der Kirche gewollte und untheologische, weil gegen die ntl. Befunde stehende, Priesterbild zu internalisieren. Der ntl. Aufbau der Gemeinde, der allein und einzig die Existenz der Kirchenämter begründet, wird dem individualistischen, ideologisch begründeten, somit immer breiter abgelehnten Modell des Priesters geopfert.

Der dadurch entstandene Priestermangel, der durch die noch immer nicht gelöste Frage des Pflichtzölibats mit verursacht wurde, kommt vor allem vom offensichtlichen Unwillen der Verantwortlichen in der Kirche, das theol. Modell der ntl. Kirchenämter konkret zu respektieren, diese im konkreten Leben der Gemeinde als Charisma des Dienstes zu entdecken und von der Basisgemeinde her anzuerkennen, anstatt sie wider besseres theol. Wissen nur deswegen zu blockieren, weil z.B. die potentiellen und vielerorts faktischen Leiter der priesterlosen Gemeinden verheiratet sind oder heiraten wollen: Die anfängliche Begeisterung für die "Laientheologen" im kirchlichen Dienst verkümmert in der Erkenntnis, dass ihnen eine Alibifunktion für den sebstgemachten Priestermangel zugewiesen wurde. Nach dem ntl. Selbstverständnis des gemeinsamen Priestertums gibt es eigentlich keinen Priestermangel, sondern höchstens eine selbstgemachte Verhinderung der vom Geist immer geschenkten Fülle der charismatischen Kirchenämter.

Die zukünftige Entwicklung bzw. Verkümmerung der Kirchenämter hängt nicht nur von der Haltung und vom Standpunkt der kirchlichen Obrigkeit ab, sondern verpflichtet alle Gemeinden, von der sich versorgen lassenden Apathie einzelner Mitglieder zu einer selbständigen Gemeinde im Dienst des Evangeliums an der Gesellschaft überzugehen, ohne vor der mangelhaften Erkenntnis der Zeichen der Zeit durch die Kirchenleitung zu resignieren und ohne auf die Behebung des Priestermangels von oben zu warten." Soweit Ausführungen von Bogdan Snela. Wer in einem Beruf lebt und arbeitet, der in der theoretischen Begründung auf Sand gebaut ist, und in der Praxis immer "ortloser", ohne Bezug auf das konkrete Leben der Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche gelebt wird, wer in einem solchen Beruf arbeitet, muss der nicht in eine schwere Lebenskrise geraten? Wird hier die Frage nach der Menschenwürdigkeit des Zölibats nicht ausgedehnt werden müssen auf die Frage nach der Menschenwürdigkeit des Priesterberufes überhaupt? Zumindest so, wie er ideologisch hochgehalten wird?

Schlusswort

Ich möchte schließen mit einem prophetischen Wort des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Athenagoras I, das er in einem Interview geäußert hat. (Olivier Clement, Dialogues avec le patriarche Athenagoras, Paris Fayard, 1969, 168-172). Dort heißt es: "Glauben Sie mir, früher oder später wird es in der katholischen Kirche verheiratete Priester geben. Man darf den Klerikern die Ehe weder vorschreiben noch verbieten. Jeder muss frei wählen können. Auch wir haben den Menschen unnötige Lasten aufgebürdet, die das Evangelium nicht rechtfertigt.

So weihen wir verheiratete Männer zu Priestern, aber verbieten einem zölibatären Priester zu heiraten. Meine Überzeugung ist, dass ein Priester auch nach seiner Weihe heiraten darf. Es ist widersinnig, dass ein Mann, der die Absicht hat, Priester zu werden, noch schnell eine Frau suchen muss und dies fast unpersönlich. Letztlich heiratet man ja nicht, um zu heiraten. Man heiratet eine Person, wenn man ihr begegnet ist, der Zeitpunkt lässt sich nicht bestellen, und weil man sie liebt mit geprüften Gefühlen. Alles muss in Frieden stattfinden, mit Reife. Ein zölibatärer Priester, der es nicht aus Berufung ist, sondern weil er vor seiner Weihe nicht die Frau gefunden hat, die berufen ist, eine Ehefrau zu werden, sollte sie heiraten können, wenn er ihr später begegnet. Sonst gibt es keine Gerechtigkeit in der Kirche. Was die Bestellung von Bischöfen betrifft, ist festzustellen, dass die historischen Umstände sich stark geändert haben. Warum nicht verheiratete Bischöfe? ... Gerechtigkeit muss sein in der Kirche. Dann werden die Menschen in ihr das Antlitz des ´Philanthropos´ (Red. Menschenfreund), wie unsere Liturgie sagt, entdecken, das Antlitz Gottes, der die Menschen liebt."

Hoffentlich wird dieses prophetische Wort des Patriarchen bald wahr! Das Antlitz des menschenfreundlichen Gottes, das uns ansieht, gibt uns als Menschen unsere eigentliche Würde. So stehen die verheirateten Priester mit ihren Frauen und die ehelos lebenden Priester gemeinsam inmitten der Gemeinde vor diesem Antlitz, das sie alle liebend anschaut. Zölibat - menschenwürdig? Nur, wenn diese Vision Wirklichkeit wird.