Die VkPF im Überblick

Katholikentag ohne Aufbruch

Gemäß des Mottos des diesjährigen Katholikentages sollte die katholische Kirche "einen neuen Aufbruch wagen". Aber davon war kaum etwas zu spüren. Zu unklar waren die Fragen beantwortet, wer wie und wohin aufbrechen sollte.

Wer sollte aufbrechen - das Kirchenvolk zu den Bischöfen? So mögen es sich konservative Kreise in der Kirche und die Bischöfe selbst wünschen - aber daraus wird nichts. Denn allzu viele Äußerungen, in denen Laien ihre Wünsche nach Reformen und Vorschläge zur Lösung gegenwärtiger pastoraler und seelsorglicher Probleme und Herausforderungen vorgetragen haben, wurden in der Vergangenheit von den Bischöfen/der Kirchenleitung entweder gar nicht wahr- und ernst genommen oder gleich als ungehörig oder unverschämt abgewehrt. Da war es nur logisch, dass das Angebot der Bischöfe an das Kirchenvolk, in einen Dialogprozess einzutreten über aktuelle Fragen in der Kirche, von denen aber gleich die drängendsten und am notwendigsten zu Besprechenden ausgespart wurden, von den Laien ihrerseits als ein Nicht-Ernstnehmen und Gängeln verstanden und abgelehnt wurde.

Die Bischöfe werden von zunehmend vielen Menschen als institutionelle Verwalter des Vatikan angesehen, die ihre Macht um jeden Preis verteidigen wollen und denen dafür kein Opfer im Kirchenvolk zu groß ist. Eine Volkskirche gibt es in unserem Land seit geraumer Zeit faktisch nicht mehr - und doch tun die Bischöfe so, als könnten und müssten sie genau diese aufrechterhalten. Mag die pastorale Versorgung in den Gemeinden und mögen die Gemeinden selbst noch so sehr den Bach heruntergehen - den Bischöfen ist es egal; Hauptsache, sie können vor sich selbst und der Welt behaupten, dass alle Gemeinden irgendwie von Priestern versorgt werden und geben Rom keinen Anlass zur Beschwerde.

Keiner unserer Oberhirten hat derzeit genügend Rückgrat, dem Weißen Mann zu sagen, wie es in der deutschen Kirche wirklich steht: dass nämlich eine große Mehrheit der Kirchenbasis sich weder an den Weisungen des Papstes noch an denen der Bischöfe orientiert, sondern ihr Überleben in der Kirche nur durch Gleichgültigkeit gegenüber den Hirten und durch Missachtung kirchlicher Lehren möglich ist. Ihre Alternative sonst wäre nämlich einzig, der Kirche den Rücken zuzukehren. In den vielen Gesprächen, die wir beim Katholikentag geführt haben, war die weit verbreitete Enttäuschung und Wut über die Unbeweglichkeit und Kaltherzigkeit der Bischöfe und des Papstes im Umgang mit dem Kirchenvolk spürbar. Eine große Mehrheit der Laien, so jedenfalls war das Gefühl, steht mit einem Bein bereits außerhalb der Kirche.

Wie sollte der Aufbruch aussehen? Kardinal Meisner kritisierte im Vorfeld den Katholikentag mit den Worten: "Es fehlt die katholische Mitte, bei der man die Verbundenheit und Einheit von Papst, Bischof, Priestern und dem Volk Gottes spürt." Richtig, Herr Erzbischof - aber die Frage ist auch, wer sich denn von dieser Mitte entfernt und die Kluft zwischen Priesterkirche und Laienkirche immer weiter vergrößert hat. Die Laien haben ihrerseits das Gespräch mit den Amtsträgern immer gesucht - dies belegen die zahlreichen Aktivitäten von Organisationen wie "Wir sind Kirche", "Initiative Kirche von unten" und anderen, aber auch zahlreiche kleine Initiativen bis hin zur österreichischen Pfarrer-Initiative mit ihrem "Aufruf zum Ungehorsam", einem lauten Aufschrei um Hilfe und Aufmerksamkeit in der Not.

Nur letzterer war es beschieden, eine Antwort sogar von höchster Stelle zu erhalten - die sich allerdings nicht um Verständnis und gemeinsamer Lösungssuche im Gespräch drehte, sondern von Zurechtweisung und Berufung auf das Gehorsamsversprechen geprägt war. Das aber ist kein Dialog, kein Bemühen um das Kirchenvolk, sondern pure und plumpe Herrschaft einiger über viele, die ganz und gar nicht im Sinne des Nazareners ist (Mt 20,25ff par). Die Reaktionen der Amtskirche waren stets von Vertröstung, Beschwichtigung, Aufrufen zum Stillhalten und Ermahnen durchtränkt. Ein ernsthaftes Zugehen und Eingehen auf die Anliegen des Volkes wurde immer wieder unterlassen. So ist sicherlich auch eine weitere Äußerung des Kölner Oberhirten richtig: "Katholikentage sind nicht mehr das, was sie mal waren." Allerdings nicht in dem Sinne, wie er es meinte, denn das Kirchenvolk hat sich von seinen Bischöfen weitestgehend emanzipiert - diese spielen im Leben der meisten Gläubigen kaum noch eine Rolle. Das unterscheidet die Katholikentage des 21. Jahrhunderts von denen noch der 1980er Jahre. Kein Wunder also, dass sich die episkopalen Rechtsausleger nicht haben sehen lassen in Mannheim.

Wohin soll der Aufbruch führen? Die gegenwärtige Situation an der Kirchenbasis erinnert stark an das alte Wort "Jesus ja - Kirche nein", denn vor genau dieser Differenzierung stehen viele Katholik/inn/en bzw. haben sie längst vollzogen. Unzulänglichkeiten und Defekte in unserer Kirche sind uns in der jüngsten Vergangenheit in Form von missglückten Bischofsernennungen, Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, homosexuellen Machenschaften in (erz-)konservativen (sic!) Priesterseminaren und eklatanten Fehlentscheidungen des Papstes mehr als deutlich zu Bewusstsein gekommen. Hinzu kommen teils jahrhundertelange Realitäten, die in der Kirche bereits seit langem bekannt sind und toleriert werden, um nach außen hin den Schein der Heiligkeit zu wahren: der Zölibat der Weltpriester, der zu keiner Zeit seiner fast 900jährigen Geschichte 100%ig eingehalten wurde; die aus diesen Zölibatsbrüchen entstandenen Kinder, die von der Kirche zwar alimentiert, aber nicht öffentlich anerkannt werden; die Unterdrückung der Frauen in der Kirche bis hin zu deren Ausschluss von den Schalthebeln der Macht (= Ämtern), für die es historisch und hermeneutisch keine schlüssige Rechtfertigung gibt; die immer noch vehemente Verurteilung und Diskreditierung der menschlichen Sexualität, die der Kirche von Anfang an Angst gemacht hat und doch auch ein Instrument der Macht über die Gläubigen war - solange sie sich an die moralischen Weisungen der Kirche gehalten haben (was heute faktisch kaum noch geschieht); und vieles mehr.

Die (derzeit leider tonangebenden) konservativen Kräfte in der katholischen Kirche wünschen sich einen Aufbruch zurück in die Vergangenheit: zurück hinter die Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils (wobei sie hier durch den Weißen Mann tatkräftig unterstützt werden), zurück zur alten Priesterherrlichkeit und zu einer Überlegenheit und Macht der Klerikerkirche über das Kirchenvolk (was allein schon durch den aktuellen Priestermangel schwierig durchzusetzen ist, mehr noch aber durch die gewachsene Selbständigkeit und Autonomie der Gläubigen unmöglich wird), zurück zu einer weltfremden und der Wirklichkeit entrückten Theologie und Spiritualität, die das Leben der Menschen außer Acht lässt (welches sich aber - so haben es uns die vielfachen Erfahrungen insbesondere der nachkonziliaren Ära gelehrt - nicht ausschließen lässt aus dem Glaubensleben und -handeln, wenn es denn glaubwürdig und authentisch sein soll).

Einmal mehr hat ein Katholikentag Wunden und Klüfte in der katholischen Kirche offenbart, die nun schon etliche Jahrzehnte bestehen und immer stärker manifest wurden. Einmal mehr hat ein Katholikentag die Distanz zwischen Kirchenvolk und Kirchenleitung offenbart, deren Verhältnis immer mehr von Misstrauen und Vorbehalten geprägt ist. Einmal mehr hat ein Katholikentag die Einsamkeit der Herrschenden über die zum Dienen Verurteilten gezeigt, denen Mitsprache, Stimme und Integration verwehrt oder sogar abgesprochen wurde und wird. Einmal mehr hat ein Katholikentag offenbart, dass in der Kirche (wie übrigens auch in der Politik) viele hehre Versprechungen gemacht, aber nur sehr wenige davon - wenn überhaupt - eingehalten und umgesetzt werden .

Das Motto "Einen neuen Aufbruch wagen" ist jedenfalls ein solch großes Wort, dem wohl das Schicksal einer hohlen Phrase beschieden sein wird: vorher viele Hoffnungen geweckt und nachher viele Enttäuschungen hervorgerufen. Es wäre eine echte Überraschung, wenn es diesmal anders sein könnte - und es wäre ein Novum. Denn kein Katholikentag bisher war so nachhaltig, dass er auch nur einen Bruchteil der Impulse in Taten und Maßgaben umzusetzen vermochte. Es wird Zeit, dass dies anders wird.

Claus Schiffgen