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Katholikentag in Mainz

Also: ich wollte da ja gar nicht hin. Ich dachte, dass ist so was mit viel Lichterprozessionen und Rosenkranzbeten usw. Aber Luis hatte es im Mitteilungsblatt gelesen und wollte unbedingt mal sehen, was so ein Katholikentag eigentlich ist. Also gab ich nach und sandte um Weihnachten rum einige Faxe an dich und Georg Beyer (im Stillen mit der Hoffnung, dass es keine Unterkunft mehr gäbe). Eigentlich fand ich an einer Teilnahme am Katholikentag nur gut, dass ich dann dich endlich mal treffen konnte. Die Privatunterkunft machte mich dann auch etwas skeptisch (" Arzt" klang so etwas vornehm), weil wir das Jahr zuvor den München von meinem Jesuitenonkel privat bei einem älteren Ehepaar untergebracht gewesen waren. Das war absolut nicht das Wahre gewesen, und als die noch merkten, was wir für eine Vergangenheit haben, war die Stimmung so, dass die bestimmt das Haus ausräuchern ließen, als wir wieder abgezogen waren. Hinzu kam noch, daß auf die große Entfernung hin vor unserer Abreise nach Europa fast nichts über das Programm des Katholikentages zu erfahren war außer einer Seite über den Katholikentag von unten, auf dem auch das Programm mit Gaillot aufgeführt war, was vor allem Luis interessierte.

Als ich dann von Bonn aus Frau Brückner (von der Ringeltaube - diese Unterkunft ist eine Ringeltaube hoch drei!!!) anrief, wurde ich etwas milder gestimmt, sie klang äußerst sympathisch. Nach dem Kursabend in Bonn am Mittwochabend hechteten wir also mit Sack und Pack (immerhin hatten wir für 7 Wochen alles in den Koffern) zum Bahnhof, um nach Mainz zu fahren. Der Zug hatte eine Stunde Verspätung ... Die Fahrt war dann sehr schön und Luis bewunderte die vielen Schlösser. Am Bahnhof mit viel Verspätung angekommen, wartete Frau Brückner auf uns, die ich irgendwie sofort erkannte (sie hatte sich als ältere grauhaarige Frau beschrieben) und ins Herz schloss. So was von herzlich, lieb und einfach und unkompliziert muss man ja suchen, um es zu finden.

Die Unterkunft erwies sich als äußerst komfortabel, der Arzt als "normaler Mensch", kurz die ganze Atmosphäre in dem Haus war einfach einladend. Frau Brückner hatte auch gleich ein Programm mit allem drum und dran für uns bereit, das wir bei einem Imbiss studierten. Und da fielen uns fast die Augen aus dem Kopf. Da war ja wirklich was geboten für alle "Geschmacksrichtungen". Als sie sich dann auch noch anbot, uns zu eurem Treffen zu fahren, fanden wir es schon fast zu viel Freundlichkeit. Aber da wir keine Ahnung von Mainz hatten, nahmen wir an. Und da trafen wir euch dann alle und es war einfach schön und ich dachte, es sei vielleicht doch keinen so schlechte Idee gewesen, zum Katholikentag zu fahren. (Deinen Aufruf zum Spenden und die ganze Erläuterung der finanziellen Lage der Vereinigung klang uns recht vertraut! Bei uns ist es genauso. Wir haben noch nicht mal genug, um "Rumos", unsere zweimonatige Zeitung aus den roten Zahlen rauszubekommen. Dauernd muss einer von uns noch privat in die Tasche greifen. Und wie lange wir paar Hanseln in Brasilia das noch mitmachen, weiß ich ehrlich gesagt nicht.) Auf dem Heimweg zu Fuß bekamen wir noch etwas von dem Trubel auf der Kirchenmeile mit. Natürlich verliefen wir uns noch etwas, aber alle Leute waren nett und freundlich und wiesen uns den Weg.

Am Fronleichnamsmorgen waren wir dann früh auf und wollten zum Dom zur Fronleichnamsfeier gehen, aber auf der Höhe des Elzer Hofs liefen viele Leute in eine andere Richtung. Auf unsere Frage erfuhren wir, dass es eine Messe im Zairischen Ritus gab. Da wir beide einen Afrika-Tick haben, änderten wir die Richtung und liefen denen nach. Diese Messe unter freiem Himmel dauerte fast drei Stunden und es war so schön, ich wäre noch drei Stunden geblieben. Die Leute machten alle so toll mit, ich kannte die steifen Deutschen gar nicht mehr.

Dann machten wir uns auf in die Rheingoldhalle (ich glaubt so heißt sie) und kauften uns unser eigenes Programm und seinen dort eine schöne Missions-Ausstellung. Beim Mittagessen studierten wir dann dieses Programm und machten uns wieder auf die Beine, liefen die Kirchenmeile rauf und runter, besuchten die vom Zölibat betroffenen Frauen, die verheirateten Priester, die Homosexuellen, die Altkatholiken, die Kirche von unten usw. usw., zwischendurch waren wir in der Stefanskirche mit den Chagall-Fenstern. Abends hörten wir noch die zweite Hälfte eines Orgelkonzerts in der Peterskirche (ich weiß nicht sicher, ob sie so heißt, es war die, auf deren Vorplatz am Morgen die Messe gewesen war) und dann in der Christuskirche noch die Hauptprobe für die Hohe Messe von Bach.

Was uns besonders beeindruckt hat auf dem Katholikentag, war die Vielfalt. Es war wirklich alles vertreten und es gab für alle Interessen etwas: für Junge und Alte, für Traditionsbewußte und Fortgeschrittene, für Insider und Außenseiter. Ich fand's von Minute zu Minute beeindruckender und war am Abend stocksauer auf mich selber, dass ich meiner Schwester nachgegeben hatte, am Freitagabend schon bei denen in Sinsheim bei Heidelberg aufzukreuzen statt erst am Sonntag. Aber das konnte man dann nicht mehr ändern, die hatten schon ein Familienfest auf Samstag gelegt. Irgendwann um Mitternacht fielen wir todmüde aber glücklich in die Betten.

Am nächsten Morgen waren wir aber wieder früh auf den Beinen, denn wir wollten zu Gaillot. Das war für zehn Uhr angesagt. Als wir um 9 kamen war der Saal schon fast voll, wir bekamen gerade noch Plätze in einer der letzten Reihen. Es waren Zuhörer aller Altersstufen vertreten, und wie wir nachher hörten, standen fast ebenso viele noch draußen auf der Straße und hörten wohl über Lautsprecher zu. Auch diese zweieinhalb Stunden vergingen im Fluge und wir wären auch noch länger sitzen geblieben. Gaillot beeindruckte uns besonders durch seine Einfachheit und Realitätsbezogenheit. Nichts von abstrakter Theologie, sondern immer alles am praktischen Beispiel aus dem Leben erklärt. Nach dem Mittagessen trieben wir uns noch einmal auf der Kirchenmeile herum und dann mussten wir leider Abschied nehmen, Koffer packen und mit Frau Brückners Enkelin auf zum Bahnhof und weiter zur letzten Station.

Inzwischen hat Luis hier schon für eine brasilianische Zeitschrift einen Artikel über den Katholikentag geschrieben. Wenn wir unseren Freunden davon erzählen, wundern die sich vor allem, dass man in Deutschland doch so offen ist, auch Nicht-"Stockorthodoxe" zum Katholikentag zuzulassen. Auch wir hatten den Eindruck, dass man ökumenisch in der katholischen Kirche in Deutschland weiter ist als z.B. in Brasilien, wo immer in der Predigt vor den anderen Konfessionen gewarnt wird. Mir geht das hier schrecklich auf den Wecker.

Schade, dass ich Carola Wilken nicht getroffen habe. Hab immer nach ihr Ausschau gehalten und nach ihr gefragt, aber sie war wohl immer gerade in einem anderen Zipfel von Mainz als ich. Bitte sag ihr viele Grüße. Euch allen nochmals herzlich Dank für die Mithilfe zu unserem Aufenthalt, vor allem auch Birgit und Georg Beyer. Uns hat es, wie schon erwähnt, nur Leid getan, dass wir nicht bis zum Ende bleiben konnte.

Tausend liebe Grüße an alle von uns beiden Irene mit Luis