Die VkPF im Überblick

Katholikentag - einmal anders

 

Seit 20 Jahren nehme ich nun an Katholikentagen teil – doch es war das erste Mal, daß ich an einem Stand mitwirkte und somit eine Aufgabe hatte. Für diese Tage in Hamburg habe ich mich denn auch nicht so vorbereitet wie sonst, wo ich das Katholikentagsprogramm ausgiebig vorher studierte und mir mein ganz persönliches Programm (was in der Regel dicht gedrängt war) zusammenstellte. Ich wollte ganz bewußt diesen Katholikentag schwerpunktmäßig vom Stand der VkPF aus erleben – und wie sich herausstellte, war dies auch eine gute Entscheidung.

„Habe ich eine Entwicklung in der Kirche verpaßt? Ist das Zölibat jetzt abgeschafft?“ So fragten nicht wenige irritiert oder verwundert, als sie unseren Stand sahen. Andere wurden mißtrauisch: „Wie ist das zu verstehen – ‚katholische Priester und ihre Frauen‘?“ Auch evangelische MitchristInnen kamen zu uns und wollten nähere Informationen zum Zölibat und den Schwierigkeiten und Konsequenzen für Priester, die aus dem Dienst ausscheiden, erfahren.

Überhaupt war dieser Katholikentag vom Zusammenrücken geprägt: das ZdK und die IKvU führten zum ersten Mal seit 1980 einen gemeinsamen Katholikentag unter einem organisatorischen Dach durch - und ich hatte den Eindruck, daß es der bisher ökumenischste aller Katholikentage war, die ich mitgemacht habe (und ich habe seit

1980 bis auf den Mainzer Katholikentag vor zwei Jahren an allen teilgenommen).

Wir konnten während der drei Tage des Katholikentages viele Gespräche führen und ich selbst hatte etliche gute und wichtige Begegnungen in dieser Zeit. Die meisten Menschen blieben zunächst stehen, um die in ständiger Wiederholung laufende Computer-Präsentation an unserem Stand anzusehen. Dietmar Kortkamp hatte sie mit viel Mühe und Liebe zum Detail (die sich z. B. in der Anziehungskraft des klerikalen Ausziehens bezahlt machte) zusammengestellt und somit das vielleicht wichtigste Element geschaffen, um auf uns aufmerksam zu machen (neben den weithin sichtbaren regenbogenfarbenen Schirmen). Die am Stand aktiven Mitglieder der VkPF und das sehr angenehme Klima im Team sorgten überdies für eine einladende und an-sprechende Atmosphäre, so daß unser Stand an allen Tagen gut besucht wurde und wir vielgefragte GesprächspartnerInnen waren (auch von den Medien).

Für mich persönlich war es eine physisch und psychisch anstrengende, aber durchaus Herz und Gemüt befriedigende Zeit. Auch wenn wir mit einer genügend großen Zahl an VkPF-Mitgliedern den Stand betreuten und uns die anfallende Einsatzzeit gut aufteilen konnten, hat es mich nie lange von dort weggezogen. Zu neugierig war ich auf die Menschen und die Begegnungen, die Gespräche und die Reaktionen auf die VkPF seitens der KatholikentagsbesucherInnen.

Eine interessante Selbsterfahrung war für mich, daß und wie ich mich nach erst einem Jahr Suspendierung vom Priesteramt dieser Situation stellen und in den Gesprächen damit umgehen konnte. Es ging mir gut damit und ich fühlte mich durch meine Erfahrungen und die für mich positive Entwicklung meiner Lebenswende in den vergangenen zwölf Monaten gestärkt, auch anderen davon zu erzählen und ihnen da, wo sie vor einer Entscheidung standen, Mut zu diesem Schritt zu machen.

Meine anfängliche Befürchtung, daß wir doch die ein oder andere anfeindende Bemerkung zu hören bekommen würden, zerstreuten die erfahreneren VkPF-Mitglieder und auch die Tage in Hamburg selbst. Viel Sympathie und wohlwollendes Interesse schlug uns entgegen, vom Ausstieg aus dem Priesterberuf Betroffene (vorzugsweise die weiblichen) suchten Rat, aber auch Priesteramtskandidaten und solche, die es werden wollen, sahen uns als Repräsentanten einer Wirklichkeit, vor der sie die Augen nicht verschließen und sich darum ein klareres Bild davon verschaffen wollten. Ich war überrascht, wie groß die positive Resonanz auf unsere Präsenz war – und es machte mir zunehmend Spaß, für die VkPF und ihre Anliegen dort einzutreten.

Selbst ein in vollen Priesterornat (= Soutane) gehüllter klerikaler Jüngling (höchstens 30 Jahre alt) kam zu uns und suchte – wohl von missionarischem Eifer getrieben – ein Gespräch mit mir, das er mit der Frage eröffnete: „Sind Sie jetzt glücklich?“ Er war mir schon vorher aufgefallen, da er sämtliche Stände von Gruppierungen fotografierte, die ihm wohl als „nicht orthodox-katholisch genug“ erschienen. Nachdem ich ihm mit einem überzeugten „Ja, glücklicher als vorher“ antworten konnte (ob es auch überzeugend war, weiß ich nicht), entwickelte sich zwischen uns eine Diskussion, in deren Verlauf er mir die gottgewollte Legitimität des Zölibatsgesetzes, die Zwang-Losigkeit des Zölibatsversprechens und die Unterordnung unter die Hierarchie und Lehre der Kirche als wahren katholischen Weg nahezubringen versuchte.

Meinem Empfinden nach waren sein Auftreten und auch alle seine Äußerungen völlig emotionslos – sowohl hinsichtlich des Inhalts als auch der Art seines Redens nach – und bauten von seiner Seite eine Atmosphäre der Arroganz und distanzierenden Angst zugleich auf. Er biß mit seiner Absicht jedoch bei mir auf Granit, da ich ihm (so gut ich das bei meinem Vermögen zur Selbstbeherrschung zustande brachte) in derselben Emotionslosigkeit zu begegnen versuchte und er auf einige meiner Argumente nur mit einem verlegenen Lächeln reagieren konnte, das mehr Unsicherheit und uneingestandene Ratlosigkeit verriet als den Anschein von Überlegenheit ausdrückte, den er wenigstens noch gewahrt wissen wollte.

Er beendete das Gespräch schließlich mit den Worten: „Ich bin hier auf eine tiefe Kluft gestoßen – aber ich bete für Sie.“ Ob er es ernst gemeint hat? Ich weiß es nicht. Spät, zu spät fiel mir ein, was ich ihm gerne noch darauf erwidert hätte: „Dies sagte mir seinerzeit auch mein Bischof zum Abschied, als ich um meine Suspendierung bat – und ich habe es damals als zynisch empfunden. Und so empfinde ich es jetzt auch bei Ihnen.“ (Die Ausführlichkeit der Schilderung dieser Begegnung verrät schon, daß es sich dabei um die mir am nachhaltigsten von den Tagen in Hamburg in Erinnerung gebliebene handelt.)

Ansonsten wagten sich kaum Priester (geschweige denn Bischöfe) an unseren Stand – zumal dann nicht, wenn sie als solche zu erkennen waren. Gefreut habe ich mich über einige Bekannte und Freunde/Freundinnen aus meiner Studien- und Seminarzeit, die ich getroffen habe (darunter auch Priester) und mit denen ich sprechen konnte. Es tat gut, auch von ihnen vermittelt zu bekommen, daß ich mit meiner Entscheidung und meinem neuen Lebensweg angenommen bin.

Im Gegensatz dazu mein früherer Generalvikar, der in unsere Nähe kommen mußte (gegenüber von uns war der Stand des Bonifatiuswerkes, dem er einen Pflichtbesuch schuldig war): als er mich sah, wandte er den Blick ruckartig weg von mir und unserem Stand und eilte geradewegs zu seinem eigentlichen Ziel. Ich konnte darüber nur milde lächeln und ihn bedauern – noch vor einem Jahr hätte es mich verletzt.

Ein Ehepaar aus einer Gemeinde meines früheren Heimatbistums klagte mir das Leiden ihrer Gemeinde am dortigen Pfarrer, den ich kannte; eine frühere Gemeindereferentin, die wegen ihrer Beziehung zu einem suspendierten Priester ihre Anstellung verlor, suchte Verständnis für ihre Enttäuschung und Verärgerung über die Kirche und fand es. Zwei Beispiele aus meinen vielen Begegnungen, die zeigen, daß wir suspendierten Priester und unsere Frauen auch als SeelsorgerInnen weiterhin (oder vielleicht jetzt erst recht?) gefragt sind.

Am Ende eines jeden Tages gönnten wir uns ein gemütliches Beisammensein mit Abendessen in einem Restaurant. Hier konnten wir jeweils unsere Erfahrungen aus­tauschen, uns erholen und entspannen und unsere Gemeinschaft untereinander vertiefen. So fanden wir auch Zeit für uns und konnten die Harmonie im Team auch jenseits des Katholikentagsgeschäftes genießen und pflegen.

Nach den Tagen in Hamburg bin ich zwar ziemlich erschöpft und müde wieder nach Hause gefahren (O-Ton meiner Freundin: „Du siehst ja völlig fertig aus!“) und konnte auch nur noch mit heiserer Stimme sprechen, aber ich trug das Gefühl in mir, daß es sich gelohnt hatte. Daß ich an keiner Veranstaltung des Katholikentages teilgenommen habe und außer den abendlichen Restaurants von Hamburg auch nicht viel gesehen habe, empfand ich nicht als Verlust. Dieser Katholikentag war für mich eben anders als sonst. Aber er war auf diese Art mindestens eben so gut und bereichernd wie die früheren.

Claus Schiffgen