Die VkPF im Überblick

Eindrücke eines Mitwirkenden

Katholikentag in Dresden 1994
Eindrücke eines Mitwirkenden

Dass unser Stand in die offizielle Kirchenmeile aufgenommen worden war, hat uns und viele Besucher staunen lassen über die neue Offenheit einer sich in der Vielfältigkeit begegnenden Kirche. "Da seid Ihr doch sicher aus Versehen durchgerutscht - bei der Einstellung unserer Bischöfe", argwöhnte ein sich als Insider ausgebender Endvierziger... Manche drückten uns nur die Hand: "Macht weiter! Der Zölibat muss fallen!" Und immer war der Pflichtzölibat gemeint. Christen mit dieser Einstellung, für die der Zwangs- oder Koppelungszölibat ein Relikt einer sexualfeindlichen, keinesfalls schöpfungsorientierten Theologie war, wünschten uns Kraft und Ausdauer bei unserer Arbeit.

Die meisten suchten jedoch das längere Gespräch. Oftmals wurde es ausgelöst durch das "Firmenschild": "Gibt es das? Katholische Priester mit Frauen? Das läuft doch nur heimlich so". So die Vorsitzende einer Frauengemeinschaft. Am erschütterndsten waren für mich die Gespräche mit jungen Paaren, bei denen der Glaube geradezu greifbar war. Ich zählte an zwei Tagen über fünfzig junge Männer, die sich gern in den Dienst der Kirche als Priester stellen würden, wenn die angekoppelte Zölibatsforderung nicht bestünde.

"Da wird in der Kirche ständig um Priesternachwuchs gebetet, Gott schenkt auch Berufungen in Fülle, und die Amtskirche wagt es, das von Gott geschenkte Charisma abzuweisen, Gemeinden veröden zu lassen, obwohl Jesus nie den Zölibat für seinen Dienst eingefordert hat, die Apostel verheiratet waren, die alte Kirche den verheirateten Gemeindeleiter kannte und die historischen Ursachen für die Einführung des Zölibats z.T. in recht üblen, keineswegs jüdisch-christlichen Einstellungen gründen." So ein Gemeindereferent, der darauf hofft, dass eine neue Kirchenleitung endlich den Zwangszölibat fallen lassen wird.

Gespräche mit einzelnen: Priester im Amt, dabei jüngere, die unsere Erfahrungen abfragten, wie die Diözesanleitung in der Diözese X, aber auch die Konfratres reagiert haben, Wohnungsfindung, finanzielle Unterstützung für ein Weiterstudium, weitere Tätigkeit in der Kirche, Berufsmöglichkeiten heute. Oft ging es auch ganz persönlich zur Sache: Wie wir den Schritt verkraftet haben, wie wir als "Ungeübte" mit Ehe und Familie oder im Konkurrenzkampf der Betriebe klarkommen. Und da inzwischen einige von uns schon 20 und mehr Jahre an Erfahrungen haben sammeln, manchem "Bruder in der Krise" mit Rat und Tat haben beistehen können, konnte es zu offenen, selbstkritischen Antworten, Dialogen und oft tiefen Begegnungen kommen.

Bedrückend waren die Gespräche mit älteren Priestern, für die der Zölibat zur unerträglichen Last geworden ist, die in einer Beziehung oft seit Jahren leben, für sich und ihre Partnerin das Versteckspiel nicht mehr ertragen können, andererseits aber auch die Unmöglichkeit sehen, noch irgendwo Fuß fassen zu können, die wissen, dass sie von der Amtskirche fallengelassen und in die volle Ungesichertheit gestoßen werden. Wir wiesen sie auf unsere Kreise hin, dass sie dort am ehesten Verständnis, Vertrauen und eventuell Hilfe erfahren dürften.

In die Einzelgespräche mischten sich, wenn sie nicht zu persönlich geführt wurden, gern weitere Diskutanten oder Zuhörer, so dass es immer wieder zu Traubenbildungen kam und der Weg an unserem Stand oft versperrt war. Vorbeiziehende mussten über den Rasen ausweichen.

Eigenartige Menschen waren freilich auch mit unter den Passanten: der alte Herr aus Hagen, der mich eineinhalb Stunden in ein Gespräch einband. In der Tasche ein Megaphon, mit dem er unseren "Sündenstand" eigentlich eindecken wollte. Dann aber erzählte er mir sein ganzes Elend, und wir verabschiedeten uns wie alte Freunde. Ein anderer wollte uns vergast haben, ein dritter zeigte uns den "Effenberg -Finger".

Interessant waren für uns die Gespräche, in denen Ost-Erfahrungen einflossen. So die Unterhaltung mit einem Diakon aus dem Görlitzer Raum. Er hatte sich die Vereinigung angekreuzt, wollte ihr richtiges Christsein vorstellen. Wir sprachen lange miteinander und verstanden brüderlich unsere Positionen: "Unterwegs zur Einheit".

Viele Dialoge lösten sich ganz von unseren Anliegen und wurden zu Glaubensbegegnungen: Wie muss ich Jesus heute verstehen und leben? Wer hilft mir, die Bibel zu lesen und aus ihr mein Leben zu führen? Eine Dresdner "Direktorin" ließ sich in den Standort katholischer Exegese und hilfreiche Literatur einführen, hatte aber große Bedenken, dass katholische Theologen sich zu sehr evangelischen Positionen annäherten. Weitere Themen: Gemeinde Jesu, Eucharistie und Sakramentenpraxis, das moderne und christliche Weltbild, der Christ in der Arbeitswelt und in der Politik.

Viele Frauen klagten uns ihr Leid mit der Amtskirche oder konkret mit ihrem Pfarrer, wie zweitrangig sie behandelt werden. Die Frau zählt nicht in der Kirche oder nur in entsprechenden Putz- oder Hilfsdiensten. Ihre Gedanken oder ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Glauben und Leben sind in der Kirche nicht gefragt. Die Entrüstung war bei Frauen mittleren oder höheren Alters oftmals größer als bei jüngeren.. Die bezogen manchmal recht konservative oder auch resignative, einige allerdings auch sehr kämpferische Positionen: "Wir handeln einfach. Nachfragen ist gewesen." Und oft: "Wir sind die Kirche!" Dass die Frau ins Amt muss, alles andere Nachhutgefechte sind, war für die überwiegende Mehrheit eine Selbstverständlichkeit.

Einen ganz positiven Eindruck hatten wir in unseren Begegnungen mit Ordensleuten. Hier fielen uns besonders die Franziskaner auf. Sie kamen auf uns zu, sprachen uns auf unsere Themen und Erfahrungen an, zeigten auf, wie sie sich inzwischen um Mitbrüder mühten, die den franziskanischen Weg draußen in Ehe und Familie und Beruf weitersuchten. Ihr Austritt wird nicht mehr verheimlicht, sondern öffentlich mit Dank für die geleistete Arbeit bekannt gemacht. Und die Ordensleitung spricht mit dem aus dem engeren Kreis Ausscheidenden auch die berufliche Weiterbildung und Sicherung durch. Ebenso zeigten viele Schwestern aus verschiedenen Kongregationen zu unserer Freude auch keine Berührungsängste, stiegen vielmehr, uns entlastend, in Diskussionskreise ein und entwickelten ein neues und doch so biblisch altes Bild von einer geschwisterlichen Kirche.

Wenn ich meine Erfahrungen in Dresden mit denen von Karlsruhe vergleiche, so lautet mein Ergebnis: In Dresden standen wir mehr "auf der Straße". Und das tat uns und den Gesprächspartnern gut. Die Gespräche fanden zwischen den Geschäften, eben mitten im Alltagsleben statt. Es kamen nicht nur kirchaktive Katholiken vorbei, sondern normale Bürger der Stadt. Und bei vielen von ihnen spielen interne Kirchen- oder auch Glaubensfragen keine besonders große Rolle. Auch das war für uns eine wichtige Erfahrung.

Christen, besonders aus der ehemaligen DDR, darunter auch eine Anzahl evangelischer Christen, die grundsätzlich die Freigabe der Zölibatsentscheidung für Priester forderten, wiesen gleichzeitig auch auf Probleme hin, die sich durch verheiratete Priester stellen werden. So kann eine Gemeinde unter einer Störung in der Ehe des Pfarrers leiden. Es gibt einfach Belastungszeiten durch die Familie. Es können sich Zeit- und Interesseneinschränkungen ergeben. Die Partnerinnenwahl wird von hoher Bedeutung. Ehescheidungen gehören zu den zu bewältigenden Konfliktfällen der evangelischen Kirche. Mit ihnen wird zu rechnen sein. Trotz verheirateter Pastöre seien die evangelischen Kirchen auch nicht voller, die Austritte nicht geringer.

Aber wir suchen ja keine konflikt- und problemfreie Kirche. Kirche muss sich in den Problemen des Alltags bewähren, der Glaube im familiären plus beruflichen genau wie im zölibatären Leben gelebt werden können. Es gibt keinen höheren und minderwertigen Weg der Lebensführung, nur einen je anderen.

Ein Pfarrer forderte die Vereinigung auf, sich der Kirche zur Verfügung zu stellen, wenn die Freigabe erfolgt. "Nach diesem Papst sicher; sie ist nicht mehr wegzudenken." Mit unseren Erfahrungen könnten wir dann Fehlentwicklungen abfangen, psychologisch bedachten und zu bedenkenden Rat den in die "Ehelaufbahn" einschwenkenden jüngeren Theologen und ihren Bräuten und Ehefrauen und der Theologenerziehung geben.

Hardliner waren eine Rarität. "Befehl von oben, Gehorsam von unten", so ein Ehepaar aus Paderborn. "Uns interessiert nicht das Leben und die Lebensführung unseres Priesters - unser taugt auch nichts - uns interessiert nur, ob er gültig geweiht ist und so das Brot wandeln kann." Es gab sie selten, aber wir vernahmen sie, suchten das Gespräch mit ihnen, die sich von einer von oben reglementierten Kirche nicht, noch nicht trennen mochten. Größer war der Anteil der die Autorität Einfordernden aus den ostdeutschen Ländern. Ein Pfarrer aus Leipzig, dem ich meine Beobachtung schilderte, bestätigte das Phänomen und versuchte es mir aus der historischen Vergangenheit der beiden Deutschland zu erklären.

Erfahrungen organisatorischer Art sollten bei einem der nächsten Treffen ausgetauscht, die Materialienvorbereitung besprochen werden. Gesprächsmethodiken und Einstellungen und erfahrene Inhalte könnten bedacht werden.
Ferner wäre eine theologische Runde nutzbringend. Auch unter uns gibt es verschiedene "Schulen", auch wir "unterwegs zur Einheit": unser Jesusbild, Priester und/oder Gemeindeleiter, die Frau im Amt (in welchem der kommenden Kirche?), die Fülle der Charismen in einer Gemeinde, Umgang mit Konflikten, und vieles andere mehr.

Wolfgang Kulozik