Die VkPF im Überblick

Erster Rechenschaftsbericht des Vorstandes 1985

1) Die Vereinigung ist am 25. März 1984 in Bad Nauheim gegründet worden. Ich halte dieses Datum im Sinne des Bultmannschen "dass" für ungemein wichtig. Dass ein Priester heiratet und das Amt verlassen muss, ist ja kein Problem unserer Tage; das gab es immer schon. Und immer schon haben Kirchenleitungen nach dem gleichen Grundmuster reagiert. Jeder einzelne Konflikt wurde individualisiert, wurde zum persönlichen Versagen eines Einzelnen erklärt - die beteiligte Frau blieb ohnehin völlig unberücksichtigt. Auf diese Weise wurde die existentielle und auch die ekklesiologische Dimension des Konfliktes überhaupt nicht bekannt und bewusst; quantitativ wurde der Eindruck erweckt, als handele es sich hier um eine Randerscheinung. Typisch ist, dass trotz mehrmaliger Nachfrage bisher das Statistik-Referat der Deutschen Bischofskonferenz keine Antwort auf die Frage gegeben hat, wieviele Priester ohne Amt in der Bundesrepublik Deutschland leben.

Seitdem wir uns zusammengeschlossen haben, ist die Situation grundsätzlich verändert. Seitdem haben sich zahlreiche Priester im Amt und ohne Amt aus ihrer "splendid isolation" herausgewagt. Schwierigkeiten mit dem Zölibat - das ist unter Priestern in der Regel einfach kein Thema. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir durch unser öffentliches Auftreten zu einer gesuchten und gefragten Anlaufstelle geworden sind: für Priester im Amt; für Priester ohne Amt und auch für Frauen, die vom Priesterzölibat betroffen sind. Wir haben - zunächst noch bescheiden, aber immerhin - dazu beigetragen, dass die Zölibatsproblematik und die Art, wie mit verheirateten Priestern in der Kirche umgegangen wird, einer größeren Öffentlichkeit bekannt und bewusst geworden ist. Und: Wir haben uns auf den Weg gemacht, innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz einen Wandel des Denkens herbeizuführen.

2) Wir haben auf der Gründungsversammlung in intensiver Arbeit die gemeinsamen Ziele der Vereinigung formuliert. Hier muss die Betonung auf "gemeinsam" liegen. Es gibt ganz unbestritten noch eine Reihe anderer Ziele, die gut und wichtig sind und die der eine oder andere - oder sogar ganze Gruppen - unter uns für sich anstreben. Dazu möchte ich eins sehr deutlich hier hervorheben: In der Vereinigung haben sich Männer und Frauen zusammengefunden, die sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Glauben, mit der Kirche und mit einzelnen Vertretern dieser Kirche gemacht haben. Das sind Erfahrungen, von denen jeder einzelne von uns sehr tief geprägt ist. Aber es sind eben auch Erfahrungen, die sehr individuell gemacht worden sind. Es gibt kein prototypisches Psychogramm des verheirateten Priesters.

Deshalb müssen wir m.E. davon ausgehen, dass der Vorrat an Gemeinsamkeit unter unseren Mitgliedern nur gering ist. Wir müssen das akzeptieren und damit umzugehen lernen. Was uns gemeinsam ist, das ist wenig, aber es ist gewichtig. Es sind vor allem zwei Tatbestände:
- Die Frauen unter uns leben in einer Beziehung zu einem Priester.
- Die Männer unter uns haben in der Regel das Sakrament der Priesterweihe empfangen und sind ebenso in der Regel gegenwärtig nicht in der Lage, eine Funktion in der Kirche auszuüben - einmal abgesehen von der des Kirchensteuerzahlers.

Ich betone diese grundsätzliche Gemeinsamkeit deswegen so pointiert, weil ich es für notwendig halte, dass wir alle uns sehr genau darüber bewusst sind, was wir gegenseitig voneinander erwarten dürfen. Der Vorstand hat in dem einen Jahr seiner Tätigkeit mit vielen von uns gesprochen und korrespondiert. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass unter uns ein ungemein breites Spektrum an theologischen, philosophischen, gesellschaftlichen und existentiellen Zielvorstellungen anzutreffen ist. Wir werden damit leben müssen - und ich denke, wir werden damit leben können, wenn wir uns immer wieder auf das besinnen, was wir gemeinsam wollen.

Was wir gemeinsam wollen, haben wir umrißhaft auf der Gründungsversammlung beschrieben; die dort geleistete Arbeit ist voll in die Satzung eingegangen. Wir werden aber darüber hinaus nicht der Aufgabe ausweichen können, uns auch in Detailfragen auf das gemeinsam zu Vertretende festzulegen. Die Internationale Synode der verheirateten Priester in diesem Jahr zum Beispiel fordert von uns intensive inhaltliche Arbeit. Anders gesagt: Die Vereinigung würde m.E. ihr Ziel verfehlen, wenn sie sich in Einzelaktionen wie Mitgliederwerbung, Mitteilungsblättern und Versammlungen erschöpfen würde. So wichtig derlei ist: Wir brauchen auch die intensive inhaltliche Diskussion untereinander um unser theologisches Grundverständnis, unsere Sicht von Glauben, von Kirche und Amt und die Erfordernisse einer zukunftsorientierten Pastoral. Ich wünsche mir, dass wir auf dieser Mitgliederversammlung über solche Themen ins Gespräch kommen.

3) Damit komme ich zur inhaltlichen Berichterstattung.

a) Mitgliederstand

Die Vereinigung ist vor einem Jahr von 27 Mitgliedern gegründet worden. Heute haben wir 115 Mitglieder. Angesichts einer geschätzten Zahl von 8.000 Priestern ohne Amt allein in der Bundesrepublik Deutschland ist das ganz gewiss zu wenig. Wir werden unsere Ziele nur dann wirkungsvoll vertreten können, wenn wir auch quantitativ gewichtig auftreten ...

b) Zu einer Posse ist unser Bemühen verkommen, den Kontakt mit der Deutschen Bischofskonferenz zu suchen und zu pflegen. Ich möchte vorab nicht unerwähnt lassen, dass andere nationale Bischofskonferenzen in dieser Frage keine Berührungsängste haben; so gibt es z.B. in Österreich einen Bischof, der ganz offiziell als Ansprechpartner für die Belange der verheirateten Priester bekannt ist. Wie sieht es bei uns aus?

Ich habe unmittelbar nach der Gründungsversammlung in Bad Nauheim den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Josef Kardinal Höffner, über die Gründung der Vereinigung unterrichtet und um die Benennung eines Ansprechpartners der Deutschen Bischofskonferenz gebeten. Mein Schreiben wurde beantwortet vom Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Prälat Wilhelm Schätzler, der mir mitteilte:

"Ich bitte um Verständnis, dass die von Ihnen gewünschte Form des Kontaktes mit der Deutschen Bischofskonferenz mir nicht realisierbar erscheint. Wie Sie ja wissen, ist die Frage der Laisierung zuerst mit dem Ortsordinarius abzuklären. Das jeweilige Bistum ist sicher auch der Ansprechpartner für darüber hinausgehende Überlegungen."

An diesem Schreiben ist zweierlei bemerkenswert: Zum einen wird unser Satzungsziel "dass die Verknüpfung von priesterlichem Amt und Verpflichtung zur Ehelosigkeit aufgehoben wird" völlig unangemessen reduziert auf das Problem der Laisierung; der Grundfrage wird ausgewichen. Zum anderen wird auch hier die Taktik der Individualisierung, von der ich eben sprach, angewandt: Wenn schon ein Zusammenschluss von verheirateten Priestern nicht zu vermeiden ist, so soll unsere Vereinigung doch zumindest regional individualisiert werden, indem die Mitglieder an die Ortsbischöfe verwiesen werden. In einem erneuten Schreiben habe ich Kardinal Höffner mitgeteilt, dass ich mich von seinem Konferenzsekretär missverstanden fühle.

Im Vorfeld des Katholikentages hatten dann einige unserer Mitglieder in Süddeutschland Kontakt zu Weihbischof Tewes und Generalvikar Gruber aufgenommen; es wurde von Seiten des Bischofs der Eindruck erweckt, als würde es zu einem Gespräch mit drei oder vier Vertretern des Episkopates während des Katholikentages kommen. Auch daraus ist nichts geworden; offenbar war der Weihbischof hier zum Opfer seiner Aufgeschlossenheit. geworden. Daraufhin habe ich Kardinal Höffner erneut geschrieben; wenige Tage später erhielt ich erneut Post vom Sekretär der Bischofskonferenz:

"Sie stellen fest, ... dass die nationale Bischofskonferenz den Dialog mit den verheirateten Priestern dialogisch angehe oder gar zu umgehen versuche. Da die Dialogbereitschaft bei den Bischöfen besteht, wie ich Ihnen geschrieben habe, verstehe ich nicht ganz, weswegen Sie zu dem Schluss kommen, die Bischöfe würden den Dialog verweigern."

Der Konferenzsekretär arbeitet hier mit einem Trick, nämlich mit einem unausgesprochen anderen Verständnis des Begriffs "Dialogbereitschaft". Während wir darunter die Bischöfe als nationale Bischofskonferenz verstehen, grenzt er den Begriff auf "den jeweiligen Ortsbischof" ein, dem ja, nach Diözese etwas unterschiedlich, eine Dialogbereitschaft tatsächlich nicht abgesprochen werden kann.

Ich habe diesen Trick aufgegriffen, habe die bekundete Dialogbereitschaft der Deutschen Bischöfe begrüßt und um konkrete Angabe von Termin und Ort für den Dialog gebeten. Darauf erhielt ich am 4. Februar diesen Jahres (1985) ein Schreiben von Prälat Schätzler, in dem die bislang fehlende Interpretation des Begriffes "Dialogbereitschaft" endlich nachgeliefert wurde:

"Unter Dialogbereitschaft verstehe ich, dass die einzelnen Bischöfe bereit sind, mit den Priestern, die verheiratet sind und die aus ihren Diözesen stammen, zu sprechen."

Damit ist die Gefechtslage klar beschrieben. Die Deutsche Bischofskonferenz lehnt ein Gespräch mit uns ab!"

Heiner Lueg