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Die Vereinigung hat durch ihre Initiative "Herdenbrief" eine wichtige Vorreiterrolle gespielt. Durch das Kirchenvolksbegehren in Österreich und die Initiative "Pflichtzölibat nein - Frauen als Priester ja" in der Schweiz wurde nun eine noch breitere Ebene erreicht. Es wird immer schwerer, die Stimme des Gottesvolkes als modische Zeitströmung unter den Tisch zu kehren. Genauso wichtig erscheint es mir, dass die Auseinandersetzung um den Pflichtzölibat offensichtlich eine neue Qualität bekommen hat. Auf drei Phänomene möchte ich kurz hinweisen.

Erstens wird der Pflichtzölibat aus seiner ideologischen Überhöhung auf den Boden der Tatsachen geholt. Durch viele Veröffentlichungen und Untersuchungen kann der Widerspruch zwischen dem verkündeten Ideal und der tatsächlichen Realität nicht mehr verdeckt werden. Die katholische Kirche in den USA hat hier wichtige Anstöße gegeben etwa durch die veröffentlichten Untersuchungen des Sexualverhaltens von Priestern oder durch die Bereitschaft der Bischöfe, Sexualdelikte von Klerikern durch die Gerichte klären zu lassen. Es wird öffentlich zugegeben, dass ca. 20% aller Priester homophiles (= Sexualkontakte zum gleichen Geschlecht) und ca. 4 - 6% pädophiles (= Sexualkontakte zu Kindern) bzw. ephebophiles (= Sexualkontakte zu Jugendlichen) Verhalten zeigen. Nachzulesen ist dies u.a. in der Juli-Ausgabe der Herderkorrespondenz, wo auch darauf hingewiesen wird, dass die bekannten Fälle "Lediglich die Spitze eines Eisberges" sind. Wenn diese Zahlen stimmen, und eigentlich gibt es keinen Grund an deren Seriosität zu zweifeln, trifft für mehr als 25% der katholischen Priester der USA der Zölibat überhaupt nicht zu. Es handelt sich aber hier nicht um einen nationalen Ausnahmefall. Nach vielen Berichten aus den Kirchen der Dritten Welt (bes. Afrika) wird dort der Zölibat flächendeckend pragmatisch gehandhabt. Katholiken in Deutschland erfahren im Gemeindealltag, dass ihre Pfarrer keineswegs alle ungebunden und frei verfügbar leben. Glücklicherweise ist die Toleranz gegenüber der Notsituation von Priestern bei vielen Gemeindemitgliedern sehr gewachsen, aber es kann auch nicht verschwiegen werden, dass vielerorts Unbehagen, Angst und Verunsicherung herrschen. Durch die Amtsniederlegung des Baseler Bischofs ist zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden, dass auch Bischöfe von diesem Konflikt des Pflichtzölibates nicht grundsätzlich ausgenommen sind, falls sie nicht auf Grund ihres Lebensalters bereits außerhalb der Problematik leben.

Mit einem Wort: Der Pflichtzölibat hat seine Unschuld verloren. Wie in seiner langen Geschichte zeigt er auch in der Gegenwart seine Ambivalenz. Er kann sehr segensreich sein, wenn der einzelne existentiell voll und ohne Verkrampfung dahinter steht, er kann aber durchaus auch lebensfeindlich, zerstörerisch und verlogen sein - und dies nicht nur in extremen Einzelfällen.

Ein zweiter Gesichtspunkt für die neue Qualität der Auseinandersetzung um den Pflichtzölibat ergibt sich aus der Frage: "Warum stellen sich Tausende von Bischöfen nicht offen und ehrlich dem Problem?" Liegt es daran, dass die Römische Kirche im Grunde genommen trotz des II. Vatikanums Strukturen einer Diktatur hat, die von ihrer Zentrale aus jede unerwünschte Diskussion oder Entwicklung bekämpft? Oder liegt es (auch bzw. vor allem) daran, dass die römisch-katholische Kirche die bereits seit dem 1. Jahrhundert in die Kirchen eingedrungenen Ideologien von Frauen-, Sexual- und Ehefeindlichkeit trotz aller Bemühungen im 20. Jahrhundert letztlich noch nicht verarbeiten und korrigieren konnte? Oder ist es ein sehr tiefgehendes Generationsproblem, dass die überalterte Führungsschicht nicht mehr die Fähigkeit oder die Kraft hat, Probleme zu lösen. Es geht auf einmal nicht mehr allein um den Pflichtzölibat, die ganze Führungs- und Organisationsstruktur Römisch-katholische Kirche ist in die Diskussion gekommen.

Noch umgreifender und weitgehender ist das dritte Phänomen. Der Pflichtzölibates hat Gesellschaft bekommen durch "legitime Trittbrettfahrer": Gleichwertigkeit der Frauen (= Zugang zum Priester- und Bischofsamt), Menschenrechte in der Kirche, demokratische Wahl der Amtsträger und Einbindung der Hierarchie in das Kirchenvolk, Überwindung des Gegensatzes "Klerus Laien", Verwirklichung der Kollegialität von Papst und Bischöfen, Akzeptanz der Gewissensfreiheit, Auseinandersetzung mit dem sog. Naturrecht, Neuinterpretation des Petrusdienstes des Römischen Bischofs, Öffentliche Meinung im binnenkirchlichen Raum, Aufgabe der theologisch begründeten Sonderrolle der Katholischen Kirche...

Durch die wachsende Säkularisation wird diese Auseinandersetzung vielleicht sogar zu einer Überlebensfrage. Geschichte ist nie gradlinig. Niemand weiß, wie die Entwicklung verläuft. Aber jede Auseinandersetzung birgt auch die Chance auf Zukunft. Es wäre zu wünschen, dass die mehr als 60 000 aus dem Amt entfernten Priester ein positives Potential für unsere Kirche bleiben bzw. wieder werden.

Dieter Kittlauß
September 1995


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Literatur zum Zölibat

  • Oh, Gott! Kreuzweg Zölibat +

    Loser Friedli Gabriella Loser Friedli, Oh, Gott! Kreuzweg Zölibat, Wörtersee-Verlag, 2014

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  • Ich bin auf den Grund gegangen +

    Zellner Lorenz Zellner, Ich bin auf den Grund gegangen - aber nicht zugrunde, Verlag epubli GmbH, 2013 , 14,80 €

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  • Zölibat und Frau +

    BuchtitelLuise Rinser, Zölibat und Frau, Verlag Echter, 1967

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  • Zehn Argumente für den Zölibat +

    Buchtitel Hans Conrad Zander, Zehn Argumente für den Zölibat. Ein Schwarzbuch, Verlag Patmos, 2006, 7,95 €

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