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Buchvorstellung: Lebenswege - Hoffnungswege

Buchtitel 

Vorwort von Piere Stutz

An eine der schönsten chassidischen Geschichten können wir einander nie genug erinnern. Sie erzählt von Rabbi Sussja, der auf seinen Wanderungen durch verschiedene Dörfern den Menschen mitteilte, dass er sich nicht fürchte von Gott ihn in seinem Tode gefragt zu werden: "Sussja, warum bist du nicht so großer Führer geworden wie Mose oder ein so feuriger Prophet wie Elija oder ein so bekannter Schriftgelehrter wie Rabbhi Akkiba?" Und Rabbi Sussja erzählte weiter, dass er allerdings verstummen werde, wenn Gott ihn fragen wird: "Sussja, warum bist du nicht Sussja geworden? Warum hast du dich so sehr entfremdet von dem Bilde nach dem ich dich geschaffen habe?"

Diese wohltuende Geschichte ist für mich eine eindrückliche Ermutigung zur Selbstwerdung, zur heilenden Selbstannahme, wie wir sie auch in der Lebensschule Jesu finden. Jene befreiende Zuwendung, die die Menschen auf ihren göttlichen Kern und auf ihre heilende Kraft verweist, die sich auch in Solidarität und Toleranz konkretisieren. Diese Bestärkung zu einem dynamischen, prozessorientierten Glaubensweg, in dem sich Gott immer neu ereignet, finde ich auch dankbar in diesem Buch. Da begegne ich Menschen, Frauen und Männern, die ihrer Berufung treu geblieben sind, in dem sie sich verwandeln ließen, um auch Vertrautes schmerzvoll loszulassen.

Echte Werte wie Treue, Liebe, Hoffnung und Vertrauen sind nie zu haben, sie sind immer im Werden. Darum wird die Zukunft des Christentums mystisch sein. Die Aufforderung von Dorothee Solle "a-theistisch" an Gott zu glauben, bleibt hoch aktuell. Denn die Engführung eines theistischen Gottesbildes, in dem Gott von uns getrennt, uns gegen übersteht, findet sich gerade nicht beim Liebhaber des Lebens aus Nazareth.

Er erzählt von Gott, wie von einem Menschen, den er liebt und er spricht jedem Menschen zu, in der eigenen Menschwerdung die Geburt Gottes in der eigenen Seele zu erahnen. Dadurch sind Brüche, Neuanfänge in unserem Leben nicht das Ende, sondern die Chance eines Neuanfangs. So sind Menschen, die versprochen haben zölibatär zu leben und die erfahren haben, dass sie dadurch an Leib-Geist-Seele krank werden, nicht Versager und Gescheiterte, sondern Menschen die der Verwandlung Gottes in ihrem Leben trauen. Eine mystische Lebensgestaltung lebt aus der tiefsinnigen Zusage von Meister Eckhart, dass wir sogar "Gott um Gottes willen lassen müssen, damit er uns bleibe...". Im Zentrum einer christlichen Spiritualität steht darum diese ver-rückte Hoffnung, dass Gott sich ereignet und gebiert in jedem Menschen, der lernt zu sich, zu seinen Begabungen und auch zu seinen Grenzen zu stehen. Darum gehört es zur religiösen Pflicht, sogar Versprechen und Gelübde zu lassen, wenn sie innerlich versteinern und wenn sie nicht mehr vom inneren göttlichen Feuer heraus gelebt werden können.

In dieser Weite der Barmherzigkeit Gottes, die bekanntlich größer ist als unser Herz, gibt es keine Versager mehr. Der Wert der Ehelosigkeit wird immer bleiben, auch wenn jene zolibatäre Menschen aus Ehrlichkeit und Treue zu ihrer Berufung ihre Lebensform verändern und eine erfüllte Partnerschaft leben, mit all ihren schönen und schweren Seiten. Das Lied der Liebe kennt viele Melodien, darum können Geschiedene, die wieder heiraten oder lesbische und schwule Menschen, die verantwortungsvoll das Geheimnis der Liebe leben, nicht von der Gastfreundschaft Jesu ausgeschlossen werden. Der Tag wird kommen, wo seine Worte sich auch in der katholischen Tradition verwirklichen werden: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat" (Markus 2,27). So danke ich der ,,Vereinigung kath. Priester und ihrer Frauen" (VkPF) für ihr beharrliches Engagement und ihr Mit-teilen von Hoffnungswegen. Mögen sie unser Vertrauen bestärken in die notwendigen Reformen in unserer Kirche.

Lausanne, im Advent 2003 Piere Stutz - http://www.pierestutz.ch


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