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Vom Priester zum Ehemann

Frankfurt, 16.3.2004 (dpa). Von Ira Schaible

Seit frühesten Kindertagen hatte Katholik Ernst Sillmann nur einen Berufswunsch: Priester. «Dass ich Probleme mit dem Zölibat kriegen würde, habe ich nicht gedacht», erinnert sich der 65-Jährige. Als junger Mann trat er in den Jesuitenorden ein, mit Anfang 30 kamen ihm Zweifel. Er kehrte dem Orden den Rücken, wurde Gymnasiallehrer für Deutsch und Sozialkunde und heiratete als 45-Jähriger eine Erzieherin. Seit zwei Jahren ist der Aschaffenburger Vorsitzender der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF). Hauptziel des Zusammenschlusses, der am Samstag in Wiesbaden sein 20-jähriges Bestehen feiert, ist die Abschaffung des Pflichtzölibats.

«Unter dem jetzigen Papst geht da aber gar nichts», bedauert Sillmann. Anders als seine Vorgänger erteile Johannes Paul II. den Dispens (Erlass) von der Zölibatsverpflichtung normalerweise erst 40- Jährigen. «Die meisten, die heiraten wollen, sind aber jünger.» Ohne Dispens könnten sie nur standesamtlich den Bund fürs Leben schließen, lebten damit nach Auffassung der Kirche in wilder Ehe und dürften nicht in der Kirche arbeiten. «Priester sollten nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst eine andere Tätigkeit bei der Kirche angeboten bekommen, um ihren Lebensunterhalt sichern zu können», fordert Sillmann.

Er ließ sich mit 35 Jahren von der Zölibatspflicht befreien. «Obwohl ich Angst hatte, beruflich völlig in der Luft zu hängen.» Seine spätere Frau kannte Sillmann damals noch nicht - anders als die meisten ehemaligen Priester. Sie heirateten in der Regel die Frauen, mit denen sie schon als Priester eine Zeit lang eine Beziehung hatten. Wie viele Priester mit dem Zölibat brechen, weiß weder die Deutsche Bischofskonferenz, noch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) genau. Sillmann spricht von schätzungsweise einem Fünftel. Knapp 16 800 Priester (2002) gibt es laut Bischofskonferenz in Deutschland.

Die negativen Folgen des Zölibats für die Kirche betont VkPF- Sprecherin Anne Egbert: «Zu wenige und zu alte Priester lassen immer größere Seelsorgeeinheiten entstehen. Die Priester werden immer mehr zu 'Sakramentverwaltern', für die wirkliche Seelsorge bleibt immer weniger Zeit.» Die frühere Krankenschwester ist die zweite Frau eines ehemaligen Kaplans aus der DDR. Er habe nach seiner Rückversetzung in den Laienstand und seiner ersten Eheschließung 1972 in der DDR weder in noch außerhalb der Kirche Fuß fassen können und einen Ausreiseantrag gestellt. «Aber auch im Westen hat ihn die Kirche nicht unterstützt, weil er ein negatives Zeugnis von der DDR-Kirche hatte», berichtet Egbert. Schließlich fand der Theologe in einer kirchennahen Bildungsstätte im rheinland-pfälzischen Bendorf Arbeit. Egbert, die in einem Hospiz arbeitete, lernte ihren späteren Mann bei der Trauerarbeit um seine an Krebs gestorbene erste Frau kennen.

Rund 300 Mitglieder zählt die VkPF, die zum ökumenischen Netzwerk Initiative Kirche von unten gehört. Eine Mitgliedschaft im ZdK sei aus rechtlichen Gründen ausgeschlossen, sagt Sillmann. Umso mehr freut er sich darüber, dass seine Vereinigung beim 95. Katholikentag in Ulm (16. bis 20. Juni) erstmals einen Gottesdienst gestalten kann. Den Anstoß zur Gründung der VkPF gab die Internationale Synode der verheirateten Priester 1983 in Rom, wie Sillmann berichtet. Geburtsort war - eher zufällig - Bad Nauheim in der Wetterau. Es habe an einem bundesweiten Zusammenschluss gefehlt, «der den verheirateten Priestern mit ihren Erfahrungen und ihrer geistlichen Kraft entsprechendes Gewicht verleihen würde», so Egbert. Ziel sei seither auch die Solidarität untereinander, in Form persönlicher Hilfe, Beratung und Begleitung.

Das Typische an einer Ehe mit einem Ex-Priester schildert Egbert so: «Die Männer bleiben ein Stück Priester. Sie haben eine positive Sensibilität für Menschen, vor allem für die, denen es nicht gut geht.» Dies sei für eine Partnerschaft manchmal aber auch belastend: «Wenn die anderen immer wieder wichtiger sind.»

Stichwort: Das Zölibat

Die Ehelosigkeit der Kleriker wurde von der katholischen Kirche im 12. Jahrhundert durch Konzilsbeschluss eingeführt. Der auch in einigen vor- und außerchristlichen Religionen geforderte Zölibat (lateinisch caelebs = unverheiratet) hat innerhalb des Christentums seine Ursprünge im 4. Jahrhundert. Das Neue Testament kannte noch keine Regelung dieser Art. In ihm wurde nur die Ehelosigkeit «um des Himmelreichs willen» zweifelsfrei als Wert anerkannt.

Im frühen Christentum setzte sich dann aber die Vorstellung durch, ehelicher Verkehr und der Dienst am Altar seien nicht miteinander vereinbar. Eine endgültige Regelung traf schließlich das 1139 in der römischen Lateran-Basilika zusammengetretene Konzil. Hoffnungen auf eine Veränderung oder Aufhebung des Zölibatsgesetzes (Codex Iuris Canonici can. 277) in neuerer Zeit wurden von Papst Paul VI. 1967 mit der Enzyklika «Sacerdotalis caelibatus» zunichte gemacht. Der jetzige Papst Johannes Paul II. hat das Gesetz mehrfach bekräftigt.

Gemeinsam ist fast allen neueren Begründungen der Rückgriff auf das Neue Testament - nicht im Sinne einer biblischen Herleitung, sondern im Sinne einer biblischen Motivation, sich ganz dem Dienst am Evangelium zu verschreiben.


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Literatur zum Zölibat

  • Oh, Gott! Kreuzweg Zölibat +

    Loser Friedli Gabriella Loser Friedli, Oh, Gott! Kreuzweg Zölibat, Wörtersee-Verlag, 2014

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  • Ich bin auf den Grund gegangen +

    Zellner Lorenz Zellner, Ich bin auf den Grund gegangen - aber nicht zugrunde, Verlag epubli GmbH, 2013 , 14,80 €

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  • Zölibat und Frau +

    BuchtitelLuise Rinser, Zölibat und Frau, Verlag Echter, 1967

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  • Zehn Argumente für den Zölibat +

    Buchtitel Hans Conrad Zander, Zehn Argumente für den Zölibat. Ein Schwarzbuch, Verlag Patmos, 2006, 7,95 €

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